Aufzug neben den Ruinen

Margot Beer floh mit ihren Eltern im Januar 1945 aus dem Haus in Breslau, von dem sie im Fotoalbum noch ein Bild kleben hat neben den Aufnahmen, die sie als Kind und mit der Mutter zeigen. 1947 kam sie nach Weiden. Heute lebt Beer in Letzau. Bild: bey

"75 Jahre Leben und noch mittendrin", lautet der Titel eines Buchs, das Margot Beer für ihre Nachkommen geschrieben hat. In der Einleitung schildert sie die Flucht 1945 von Breslau über Hamburg nach Weiden. Dort kam sie 1947 an.

Heute wohnt Beer in Letzau. Sie sieht es als großes Glück, dass sie als ehemaliges Flüchtlingskind gesund und munter 75. Geburtstag feiern durfte. Sie hat neben schrecklichen Erinnerungen, die das kleine Mädchen miterleben musste, Momente der Hoffnung und Zuversicht aufgeschrieben.

Weihnachten 1944 verbrachte die kleine Margot noch mit den Eltern "gemütlich in der warmen Stube mit reichlich gutem Essen". Draußen zog schon seit einiger Zeit der Flüchtlingsstrom bei klirrender Kälte auf der Landstraße unaufhörlich weiter. "Wir Kinder und auch die Erwachsenen liefen täglich vor an die Straßenecke und sahen den vorbeiziehenden Treck mit ausgehungerten, frierenden Menschen. Die Anwohner aus unserer Straße versuchten einige der armen Menschen mit heißem Tee und Brot zu versorgen. Mutter jammerte, 'das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein, was wir da tun können'."

Kurz darauf entschloss sich auch Margots Familie zur Flucht. "Es war der 23. Januar in einem der kältesten Winter. Nachbarn standen weinend auf der Straße und winkten uns nach." Eine große Hilfe war ihnen der Franzose Andre, der die Familie mit einem Auto zum Onkel nach Welzow in Brandenburg brachte, obwohl er das Gelände einer Firma, bei der er arbeitete, nicht verlassen durfte.

Stöhnende Menschen

Nach Kriegsende zog Margot mit Vater und Mutter weiter in Richtung Hamburg. Die Großeltern waren zu schwach, sie zu begleiten. Margot schrieb von Tagen in Güterwaggons, in denen Kranke, Verwundete und Kinder auf dem Boden lagen, stöhnten und jammerten. "Es roch nach Schmutz, alles war unhygienisch und eklig." Oft ging die Reise zu Fuß weiter, weil der Zug stehen blieb.

Sie berichtet aber auch von positiven Erlebnissen unterwegs. "So kann ich mich erinnern, dass wir einmal in einem Dorf bei einem Bürgermeister Einlass fanden. Wir wurden reichlich bewirtet, und ich bekam eine Schüssel frische Erdbeeren mit Milch. Das war himmlisch."

In Hamburg forschten sie mit dem Leiterwagen, dem die Räder immer wieder abfielen, in den Ruinen nach der Straße, in der Vaters Schwester wohnte. "Große Ziegelsteinhaufen lagen auf den Bürgersteigen. Wir suchten die Hausnummer und - was für ein Glück - zwischen den zerbombten Häusern standen drei unbeschädigte. In einem war das Zuhause von Tante Frieda."

Angst auf Weg nach oben

Genau beschreibt die damals Fünfjährige den Fahrstuhl mit einem verzierten eisernen Gitter, der sie in die Wohnung im zweiten Stock eines herrschaftlichen Miethauses brachte. "Ich bin noch nie Fahrstuhl gefahren und hatte so etwas auch noch nie gesehen. Etwas ängstlich stieg ich zusammen mit den Eltern ein und wir erhoben uns in die obere Etage. Das war ein Erlebnis für mich."

Als Vertreter für Spirituosen kam Margots Onkel Konrad einige Zeit später auch nach Weiden und hörte hier von einer Beschäftigungsmöglichkeit für den Bruder bei der Firma "Becker & Co". "Vater fuhr gleich am nächsten Tag mit dem Zug nach Weiden und bekam die Anstellung." Vier Wochen später zog die Familie um. "Heute mit 75 Jahren bin ich dankbar, hier in der schönen Oberpfalz nach den Kriegswirren in Frieden leben zu können."
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