Aus Hilfe wächst Stolz

Karin Seehofer hat sich schon in allen Landesteilen in Goldenen Büchern verewigt. Ihre Unterschrift in der Stadthalle Neustadt bezeugte jedoch, dass sie mit "Lichtblicke" eine bayernweit einmalige Hilfsaktion einen Abend lang mitbetreut hatte. Darüber freuten sich (stehend, von links) NT-Verlegerin Bärbel Panzer, der frühere Landrat Simon Wittmann, sein Nachfolger Andreas Meier, Sozialministerin Emilia Müller, "Lichtblicke"-Schirmherrin Elisabeth Wittmann und Meiers Frau Jutta.

Wie viele Anrufe in der NT-Redaktion eingehen, hat noch keiner gezählt. An manchen Tagen dürften es Tausende sein. Einer davon gab im Dezember 1994 den Anstoß für die Hilfsaktion "Lichtblicke". Die feierte am Samstagabend mit über 500 Gästen in der Stadthalle Neustadt 20. Geburtstag.

Martin Staffe, der Leiter der Landredaktion, erläuterte an einem Beispiel, was "Lichtblicke" ist und was die Aktion unseres Medienhauses von anderen Hilfswerken unterscheidet. Da war eben 1994 diese Anruferin aus Luhe. Sie klagte den Redakteuren ihr Leid: Weihnachten steht vor der Tür, der Mann hat seine Arbeit verloren, der Heizöltank ist fast leer und Geschenke für die Kinder fallen flach.

"Das hat uns etwas ratlos zurückgelassen. Eine Rückfrage beim Sozialamt hat bestätigt, dass die Frau wirklich Hilfe nötig hat, weil der Staat nicht einspringt, wenn die Einkommensgrenzen auch nur ganz knapp übertroffen werden", erklärte der Journalist. "Und vor allem haben wir bald gemerkt, dass die Luherin kein Einzelfall ist."

Hier eine Brille, dort Heizöl

Zusammen mit dem viel zu früh verstorbenen Kollegen Richard Habberger hat Staffe die "Lichtblicke" aus der Taufe gehoben. In 20 Jahren spendeten Bürger aus der Region dafür inzwischen knapp zwei Millionen Euro, die als Gutscheine für Klassenfahrten, Heizöl, eine Brille, Winterschuhe oder den behindertengerechten Umbau eines Autos den Bedürftigen zwischen Waldsassen, Weiden und Vohenstrauß zugute kamen.

Dafür bekundete Karin Seehofer "tiefen Respekt". Die Ehefrau des Ministerpräsidenten hatte die Schirmherrschaft über den Festabend zum Jubiläum übernommen, nicht zuletzt aus Freundschaft zu Elisabeth Wittmann, für die die Hilfsaktion inzwischen ein Teil ihres Lebens geworden ist. Dafür durfte sie am Samstagabend tüchtig Komplimente einstecken. "Seele der Lichtblicke und absoluter Glücksfall" nannte NT-Verlegerin Bärbel Panzer die Tännesbergerin.

Tatsächlich ist Wittmann kein Weg zu weit und kein Zeitpunkt zu ungünstig, wenn sie die Chance sieht, "Lichtblicke" leuchten zu lassen. Haben Schüler in Eschenbach einen Basar veranstaltet und wollen 200 Euro Erlös spenden, setzt sie sich schon mal am Samstagnachmittag ins Auto und nimmt den Scheck persönlich entgegen.

"Ich bin stolz auf die Menschen unserer Region", sagte die Schirmherrin über ihren Antrieb. Sie habe erkannt, dass in der Nordoberpfalz Solidarität nicht beim Mitleid aufhöre, sondern Taten folgen lasse. Die Ergebnisse sind bisweilen rührend: "Ich erinnere mich noch gut an meine erste Spendenübergabe 1996. Das war eine Portion Fleisch für eine Familie. Die hatten sich das gewünscht."

Wie viele Anrufe in der NT-Redaktion eingehen, hat noch keiner gezählt. Einer davon gab im Dezember 1994 den Anstoß für die Hilfsaktion "Lichtblicke". Die feierte am Samstagabend mit über 500 Gästen in der Stadthalle Neustadt 20. Geburtstag. Bilder von Gerhard Götz



Zu all dem passte das leicht balladenlastige Musikprogramm des Abends, bei dem vor allem Vokalisten zur Geltung kamen, die mit dem Teeniechor Schirmitz, dem "Waldthurner Blechhaufen" oder in einem Gesangstrio des Landestheaters Oberpfalz glänzten. Die Titel reichten von Cindy Laupers "True Colors" über Enyas "Orinoco Flow", Rhiannas "I'm friends with a monster" bis zu "Proud Mary" oder "Das Herz ist ein Pendel" von Yvonne Catterfield.

Aber der Abend sollte ruhig zu Herzen gehen, wie Staffe feststellte. Zusammen mit Barbara Mädl vom Landratsamt - auch für sie zog Bärbel Panzer den "Glücksfall" aus dem Komplimentenfundus - gab der Redakteur auf der Bühne Fällen ein Gesicht, in denen "Lichtblicke" geholfen hatte.

Strenge Prüfung

Mathilde Stengl (74) aus Windischeschenbach, eine schwerbehinderte Rentnerin, die Grundsicherung bekommt, erzählte dass die NT-Aktion ihr bereits mit Brennholz und Essensgutscheinen unter die Arme gegriffen hat. Nun hat ihr altes Auto nach 500 000 Kilometern ausgedient. "Lichtblicke" wird einen Zuschuss geben, um ein Modell zu finden, in das Stengls Rollstuhl passt.

Solche Fälle landen auf dem Schreibtisch von Barbara Mädl, die akribisch die Einkommenssituation der Antragsteller überprüft und die Hintergründe durchleuchtet. Bevor es eine Leistung gibt, muss der Chef unterschreiben. "Ich schaue mir das sehr genau an", unterstrich Landrat Andreas Meier. Aus dieser Erfahrung kam er zu einem ähnlichen Schluss wie Elisabeth Wittmann: "Es ist toll, wenn ich zuletzt sehe, wie die Menschen hier mit offenen Herzen auf Flüchtlinge zugehen."

So wie beim neunjährigen Ahmad Abdo, einem Buben aus Syrien, den Onkel und Tante adoptiert haben, damit ihm in Deutschland geholfen werden kann. Abdo fiel beim Spielen von der Schaukel und brach sich den Unterarm. In Syrien wurde die Stelle notdürftig eingegipst. Als er in Eschenbach ankam, stand die Hand fast irreparabel vom Arm ab. Chefarzt Thomas Neubauer-Gartzke operierte Abdo in Weiden unentgeltlich, so dass er nach einer zweiten OP in einigen Jahren gute Chancen hat, das Malheur ganz hinter sich zu lassen. Auch dabei schiebt "Lichtblicke" an.

Immer mehr Fälle

Das ist schon mal einen "Tequila" wert, den die Bigband des Gymnasiums Neustadt zusammen mit "Amor" schmissig servierte. Drei Stunden Musik, Nachdenken über Einzelschicksale und Freude über abgewendete Notlagen mündeten schließlich in einem Versprechen: "Der neue Tag", das Landratsamt, Sponsoren und Hilfsorganisationen versicherten, nicht nachzulassen, Spenden zu sammeln und selbst in die Tasche zu greifen.

Denn in der Lage der Anruferin aus Luhe vor 20 Jahren sind heute eher mehr als weniger Menschen, erklärte Barbara Mädl: "Pro Jahr bearbeiten wir zirka 100 Fälle. Jedes Mal kommen ein paar neue dazu."
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.