Der Gästeversteher

Die Kapelle ist der Prachtraum des neuen Schlosses. Die Decke schmückt ein Zyklus aus 17 Bildern. Was sie zeigen, kann Wolfgang Thiele Besuchern anschaulich vermitteln. Bild: Götz

Für viele Thüringer, Westfalen oder Schwaben ist Wolfgang Thiele das Gesicht der Oberpfalz. Er ist seit Sommer vergangenen Jahres zertifizierter Gästeführer. Mit 16 Mitstreitern hat er einen Verein gegründet. Als Vorsitzender bekommt er von allen Seiten mit, was Urlauber von der Region erwarten.

"Er ist einer wegen dem die Leute wiederkommen", schwärmt Reinhold Zapf, der Tourismuschef des Landkreises, von dem 66-Jährigen. "Er kann für die Region begeistern." Vielleicht weil der Pensionär nichts dem Zufall überlässt. Zu Hause am Rumpler stapeln sich Bücher über den Oberpfälzer Wald. Egal ob Brauchtum, Sagen, Wanderungen oder Kunstgeschichte - Thiele will auf Fragen Antworten haben, wenn er Busgruppen die Sahnestücke seiner Heimat vorführt.

Steht ein Ausflug nach Karlsbad an, fährt er die Tour vorher zusammen mit seiner Frau im Auto ab. Wie lange dauert es zu Fuß vom Busparkplatz bis zur Kurpromenade? Und von dort zum Theater? Der frühere Geschäftsführer des Weidener Jobcenters ist vorbereitet. 12 bis 15 Tage im Halbjahr ist er als Gästeführer zwischen Regensburg und Waldsassen unterwegs. Dazu kommen täglich etwa drei Stunden am PC - alles für den Fremdenverkehr im Oberpfälzer Wald. "Ein Hobby mit Aufwandsentschädigung", beschreibt es Thiele. Oft führen ihm Hoteliers sein Klientel zu. Meist handelt es sich um Rentnergruppen. "Die wollen keine anstrengenden Wanderungen oder Burgen besteigen." Was sie stattdessen suchen? Überraschungen. "Viele sind ganz ergriffen, wenn sie am Ende einer Tour in Parkstein vor dem Basaltkegel stehen." Oder wenn ihnen Thiele in Hildweinsreuth erzählt, dass am Mittelpunkt Mitteleuropas ein gewisser Eric Frenzel um die Ecke wohnt.

Ausschlaggebend ist aber vor allem das Preis-Leistungs-Verhältnis. "Die kommen nicht allein wegen der KTB, der Basilika oder dem Parkstein." In der Nordoberpfalz sind die Übernachtungen noch relativ günstig. "Im Bayerischen Wald müssen die Leute schon den Wellnessbereich im Haus mitzahlen, den sie vielleicht gar nicht haben wollen." Thiele räumt allerdings ein, dass die eine oder andere Unterkunft mehr mit so einem Angebot der Region nicht schaden könnte.

Altes nicht überbewerten

Die kann dafür mit anderen Trümpfen punkten. "So etwas wie das Klosterdorf in Speinshart beeindruckt alle." Und auch wenn der 66-Jährige viel über die Goldene Straße oder die Geschichte von Leuchtenberg erzählen kann, stellt er seine Führungen nicht auf Tradition ab. Glas und Porzellan - das war einmal. "Es tut uns in Neustadt schon weh, dass keine Schauglashütte mehr in Betrieb ist." Also führt er Glasbläser nun bei Ausflügen nach Bodenmais vor.

Auch den Zoigl streift er nur am Rande. "Ich kann nicht mit einem vollen Bus eine Zoiglstube stürmen. Das passt einfach nicht zur Atmosphäre." Sollten zwei oder drei aus einer Gruppe aber Interesse bekunden, nimmt sie Thiele mal am Abend mit und klärt über das Kommunbrauwesen auf. "Flexibel sein" lautet seine Devise. Das kann schon mal dazu führen, dass er mit einer Gruppe aus Thüringen und einem Wirt ein Vergleichsessen verabredet. Am einen Abend die Thüringer Schlachtschüssel ("Die essen die Blut- und Leberwürste kalt"), am anderen Tag die Oberpfälzer Variante. Jüngere seien am besten mit Events zu ködern. "Öfter mal so etwas wie den Kommunbrauertag in Neuhaus oder auch in anderen Orten und dann drei Monate lang bewerben." In seiner Heimatstadt empfiehlt er das Schlossensemble. "Das wird viel zu wenig angenommen. Ich habe vor kurzem eine Gruppe Lehrer geführt, die wussten gar nicht, wie das alles zusammenhängt." Ein Aushängeschild der Region hat dagegen weder mit Baustil, Fürsten oder Geologie zu tun. "Viele Fremde denken beim Wort Oberpfalz zuerst an Witt Weiden."
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