Der Landkreis erwartet eine neue Welle von Jugendlichen aus Bürgerkriegs- und Krisenländern
Männlich, flüchtig, jung sucht ...

Sie sind blutjung, flohen teilweise auf überfüllten Kuttern übers Mittelmeer oder wurden von Schleppern über Südosteuropa nach Deutschland gebracht. Ob sie dort länger bleiben können, ist unklar. Doch zumindest bekommen diese jungen Nordafrikaner im Michaelswerk warmes Essen, eine Ausbildung und einen Alltag ohne Angst und Ungewissheit. Bild: Huber
Die ärmsten Kerle verstecken sich hinter den hässlichsten Abkürzungen. 20 "UMF" leben im St. Michaelswerk in Grafenwöhr. Die ersten kamen Mitte August, der letzte Neuzugang am Montag. UMF steht für "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", meist 15- bis 16-jährige junge Männer, die Bundespolizisten im Zug in Oberbayern oder versteckt auf Lkw-Pritschen aufgegriffen haben.

Jugendliche aus Eritrea oder Afghanistan, die zum Teil seit einem Jahr auf der Flucht sind vor der Zwangsrekrutierung als Soldaten oder vor der Scharia. Oder die einfach ein besseres Leben suchen. Einige davon sind Waisen. Sofern sie bei dieser Odyssee im Kreis Neustadt landen, ist Reinhard Thumbeck eine der ersten Bezugspersonen. Er leitet das Heim des Michaelswerks, wo eine Jugendhilfestätte eingerichtet ist, die mit dem Internat der angegliederten Sonder-Berufsschule nichts zu tun hat.

"Hochmotiviert"

Dort werden die Jugendlichen in zwei Gruppen von je fünf Betreuern auf das vorbereitet, was landläufig Integration heißt. Sie lernen Kochen, Aufräumen, Zimmer putzen und Hausaufgaben machen, fahren um 6.30 Uhr in die Berufsschule nach Weiden und kommen um 13.30 Uhr wieder nach Grafenwöhr zum Mittagessen. "Das Gesetz unterscheidet dabei nicht zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen", erklärt Thumbeck.

Ein 16-Jähriger kann nicht abgeschoben werden, sofern er sich nicht als Ausreißer entpuppt, der im Herkunftsland ein halbwegs intaktes Elternhaus hat. Sobald er 18 ist, müsste er einen Asylantrag stellen. Fast alle tun das bereits vorher. In der Zwischenzeit erhalten sie eine Schul- und Berufsausbildung.

"Das ist eine Chance für den Landkreis, die sind oft hochmotiviert", sagt Jugendamtsleiter Klaus Egelseer. Er sorgt sich darum, sie alle unterzubringen. Denn die Jugendlichen sollen nicht in Erwachseneneinrichtungen, sondern in Stätten, die sich mit jungen Menschen auskennen, Sozialpädagogen und Erzieher stellen. Seit 1. Januar folgt der Freistaat Bayern diesem Beispiel anderer Länder. Zu den 22 UMF, die für dieses Jahr dem Kreis zugeordnet sind, sollen nächstes Jahr nochmal etwa 20 kommen.

130 Euro Tagessatz

Das kostet bei einem Tagessatz von 130 Euro - im Fall von Traumatisierung oder ähnlichem auch mehr - rund 1,9 Millionen Euro, erklärt Egelseer. Das Geld möchte er sich über das Bundesverwaltungsamt wieder zurückholen. Wie das funktioniert, sei aber noch nicht geklärt. Inzwischen verhandelt Egelseer mit Dr. Loew und anderen Einrichtungen über Plätze für weitere UMF. Ein Kriterium ist, dass die Jugendeinrichtungen gut erreichbar zu den Schulen in Weiden und Umgebung liegen.

Mit diesen Sorgen ist der Landkreis nicht allein. Die Kriege im Nahen Osten, in Nordafrika oder am Hindukusch versechsfachen die Zahl der erwarteten minderjährigen Flüchtlinge. Statt 500 wie in den vergangenen Jahren werden für ganz Bayern 3000 erwartet. In Computerdateien sind es UMF. Wenn sie vor den Mitarbeitern des Michaelswerks stehen, sind es Heranwachsende, die nichts mehr zu verlieren haben.
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