Entspannte Wahrheit in der Lücke

Rolf Miller, der Minimalist, kommt mit wenigen Accessoires auf der Bühne aus. Obwohl er auch gewaltig an Worten spart, sorgt er doch treffsicher für Klarheit nicht nur zwischen den Zeilen. Bild: prh

Diese Art von Kabarett beherrscht nur einer: Mit genial komponierten Stammelsymphonien, schmalem Wortschatz und Lückentexten panikartig entspannt, Schwieriges einfach auszudrücken. Der Odenwälder Rolf Miller begeisterte mit dem Programm "Alles andere ist primär" in der ausverkauften Stadthalle restlos.

Als wäre er nie weg gewesen oder gerade erst aus der Pause gekommen: Der Kabarettist betritt unter dem Applaus des Publikums die Bühne der ausverkauften Stadthalle, setzt sich in breitbeiniger Fußballerpose auf den Stuhl und beginnt in panikartiger Entspannung mit geringem Wortschatz das Leben, die Liebe und alles andere unwichtige zu erzählen, scheinbar dort anknüpfend, wo er das letzte Mal aufgehört hat. Auch am Samstag lässt er die Zuhörer fast zwei Stunden lang nicht aus dem Lachen herauskommen.

"Deswegen haben die auch zu ... Das ist das ... wegen seiner Bundes-Job-Stelle-Wechselding do ... Der Jürgen eben." Dazwischen streut er ein keckerndes Lachen ein, und der ganze Saal brüllt mit. Die meisten Zuhörer kennen ihn eben, kennen seinen Mut zur Lücke. Mit scheinbar dahingestammelten Auslassungen und Gedankentexten schafft er es von Beginn an, die Fantasie des Publikums zum Blühen zu bringen, um dann mit perfektem Timing verdrehte Lebensweisheiten und Pointen zu setzen. Diese Art Kabarett macht Miller wohl keiner nach.

Alles dreht sich um seine Kumpels Jürgen und Achim und deren beschränkten Kosmos mit Frauen, Autos, Beruf und Fußball. Da gibt es zum Beispiel Jürgens "Pfandflaschengesicht" von Chef, der zum Explodieren neigt. Miller kann sich über so etwas nicht aufregen, ist da extrem bewegt entspannt. "Ich mache sehr oft nix ... Das kann man lernen ... Üben, aber mit viel Fleiß. Reden ist Schweigen, Silber ist Gold", lautet sein Rezept.

Füße bis zum Hals

Dann gibt es da auch noch die Schwester der beiden Protagonisten, den "Apparat" - mit Füßen bis zum Hals, die sich nur einmal mit Bild zu bewerben braucht, und schon wird sie genommen. Die Geschichten um die Drei lassen den Odenwälder immer wieder pendeln von den Problemen des Alltags bis in die große Politik mit "Standstreifengesicht" Wladimir Putin.

"Eine Beziehung hält am längsten, wenn beide in einer festen Partnerschaft sind" oder "man muss auch über Humor lachen können. Schließlich bezahlt man ja Steuern. Ohne Humor unmöglich."

Aus den Slums

Miller bezeichnet sich als echten "80er", mit der dazu gehörenden Rock-Musik von AC/DC und Modern Talking sowie den Dübel aus "Greenpeace" ("Wer sich an die 80er noch erinnern kann, hat sie nicht erlebt ..."). Er berichtet aus der Schulzeit, die er in der blödesten Klasse von allen verbracht hat, und erzählt, dass er eigentlich aus den Slums komme. Schließlich sei der Vater Banker gewesen.

Am köstlichsten sind die Erklärungen, wenn sie grundsätzlich und dann noch mit Halb- oder Nullwissen unterfüttert werden: "Der Mensch ist vom Typ her ... Dings ... geschaffen für die Frau" oder "Frauen ist immer ... Also die haben eine Statistik". Am Ende gibt es bei Miller aber "für jede Lösung ein Problem".

Doch auch hier lautet seine Devise: "Nicht aufregen, Entspannung ist wichtig. Alles andere ist primär." Miller schafft es mit den wohlkomponierten Stammelsymphonien Komplexes auf genial einfache Weise zu hinterfragen und gleichzeitig zu beantworten. Er spricht hinterhältig indirekt Wahrheiten aus, die manchmal weh taten.

Nach begeistertem Applaus und zwei Anekdoten als Zugabe lobt er das Publikum: "Sie waren sehr gut. Ich war auch da. Wer nix verstanden hat, hat das Ganze im Großen und Ganzen kapiert."
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