Erika Rosenberg-Band erzählt vom Judenretter-Ehepaar Schindler
"Sie haben alles riskiert"

"Ich glaube, Oskar hätte ohne sie nicht viel machen können und umgekehrt auch nicht."

Der Film "Schindlers Liste" ist bekannt. Er kann aber nicht die Eindrücke einer Person wiedergeben, die Emilie Schindler persönlich gekannt hat. Erika Rosenberg-Band holte das in der Lobkowitz-Realschule nach und offenbarte auch, wo das oscargekrönte Drama Schwächen hat.

"Sie waren Schulter an Schulter. Ich glaube, Oskar hätte ohne sie nicht viel machen können und umgekehrt auch nicht. Und hinter einem starken Mann steht immer eine viel stärkere Frau." Davon ist Erika Rosenberg-Band überzeugt, Die 63-Jährige kannte die Eheleute, die als Judenretter einen Platz in der Geschichte haben. Sie ist Autorin einer Biografie über das schillernde Ehepaar und war Freundin von Emilie Schindler.

Ihre Einblicke gab sie 120 Zehntklässlern der Lobkowitz-Realschule weiter. Rosenberg-Band lebt in Argentinien. Ihre jüdischen Eltern mussten nach Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 Deutschland verlassen und flohen zunächst nach Paraguay.

Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung ist die Autorin regelmäßig von August bis Dezember auf Tour, um von den Schindlers zu erzählen. Die beiden heirateten im März 1927. Dem Ehemann ermöglichte die hohe Mitgift - heute entspräche die Summe 300 000 Euro - aus dem Elternhaus von Emilie ein schönes Leben. "Er war ein Lebemann, ein Carpe-Diem-Mensch", beschreibt es Rosenberg-Band.

1935, als das Geld aufgebraucht war, fand Oskar Arbeit beim Militärgeheimdienst Abwehr von Wilhelm Canaris. Auch nachdem Schindler 1937 zu seiner ersten Fabrik gekommen war, hielt der Kontakt zu Canaris an. "Canaris war bei den ganzen Aktivitäten von Oskar Schindler mit den Juden im Bilde. Das hat mir Emilie erzählt. Es ist nicht wie in dem Film gezeigt wird", betont die Biografin. "Es gibt sowieso keine wahre Geschichte. Man versucht als Historiker immer nah dran zu sein."

Ratgeber und Helfer

Rosenberg-Band bezog die Schüler in ihren Vortrag mit ein. "Wie war das Leben im Arbeitslager Plaszow?" "Nicht schön, Schläge, Hunger", antwortete einer. Umgerechnet 26 Millionen Euro haben die Schindlers für die Rettung von über 1200 Juden aufgebracht. Neben dem Einsatz von viel Geld hat das Ehepaar erhebliche persönliche Risiken auf sich genommen.

Aus ihrem Buch "Ich, Emilie Schindler", las Rosenberg-Band die Geschichte einer Jüdin vor, die von ihrem Verlobten schwanger wurde. Die junge Frau kam zu Emilie Schindler und wusste nicht, was sie tun sollte. Emilie bat einen Arzt, sich der Sache anzunehmen. "Obwohl ich immer gegen Abtreibung gewesen war, erschien sie mir damals als die einzig mögliche Lösung", zitierte Rosenberg-Band aus der Biografie.

In einem anderen Fall wandte sich ein Arbeiter an die Unternehmersgattin. Er hatte seine Brille verloren, konnte so nicht mehr arbeiten und wäre von der SS umgebracht worden. Innerhalb von 48 Stunden organisierte Emilie eine neue Sehhilfe.

Im kalten Winter 1945, Schindler hatte seine Fabrik mittlerweile nach Brünnlitz ins Sudetenland verlagert, kamen 120 jüdische Häftlinge in Viehwagen bei der Fabrik an. Sie waren zuvor in einem weiter östlich gelegenen Lager eingesperrt. Emilie Schindler errichtete auf dem Fabrikgelände ein Lazarett. "Das hat sie gemacht, nicht Oskar", betonte Rosenberg-Band. Im Laufe der letzten 24 Jahre hat Rosenberg-Band mit vielen Überlebenden gesprochen. "Alle haben gesagt, die Schindlers hätten absolut alles riskiert und geopfert, um uns zu retten."

Schlampiger Spielberg

Bis Steven Spielberg 1993 den Film "Schindlers Liste" drehte, hatte schon 1951 der deutsche Regisseur Fritz Lang Interesse an dem Thema. Doch fürchtete er, dass kein Amerikaner einen Film über einen guten Deutschen sehen möchte. 1963 startete das nächste Filmprojekt. Schindler hatte bereits ein 354 Seiten starkes Drehbuch verfasst und hätte einen vertraglichen Anspruch auf fünf Prozent des Reingewinns gehabt. 1967 wurde auch dieses Unternehmen abgebrochen.

Die Zeit für eine Geschichte über einen guten Deutschen war noch immer nicht reif. Schindler erhielt sein Drehbuch nie zurück. Bis vor zwei Jahren galt es als verschollen. Dann entdeckte es Rosenberg-Band in einem Archiv in den Vereinigten Staaten. In diesem Film hätte Emilie neben ihrem Mann die Hauptrolle gehabt.

1993 lud Regisseur Steven Spielberg Oskar und Emilie Schindler nach Jerusalem ein, um bei den letzten Arbeiten für die Verfilmung von "Schindlers Liste" dabei zu sein. Oskar Schindler war aber bereits 1974 gestorben. "So eine Persönlichkeit wie Steven Spielberg hatte nicht einmal richtig recherchiert, nicht einmal die Sekretärin, nicht einmal sein Team."
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