Fusion ohne Nebenwirkung

Offiziell betreuen 45 Bereitschaftsärzte auf Geheiß der Kassenärztlichen Vereinigung ein Gebiet zwischen Steinwald und Eslarn. De facto teilen sie es aber wie bisher in drei Dienstbereiche auf.

Schlechter könnte der Zeitpunkt nicht sein. Am Abend um zehn kommt die Migräneattacke, oder das Fieber klettert immer weiter. Ein Fall für den Bereitschaftsarzt. Für diesen Dienst haben Mediziner die Region in drei Bereiche aufgeteilt. Das will die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) nicht mehr. Aber die Ärzte lassen ihr System nicht so leicht aushebeln.

Seit 26. Februar sind die Bereitschaftsdienstgebiete Erbendorf, Neustadt und Vohenstrauß aufgelöst. Die KVB hat auf die Fusion zu einem großen Bereich gepocht. Hintergrund: Die Vereinigung verlangt, dass in jedem Bereich mindestens 15 Ärzte einen Bereitschaftspool bilden, damit keiner zu stark belastet ist.

Nur Neustadt kommt da locker drüber. Nach Angaben von KVB-Sprecherin Birgit Grain stehen in diesem Raum 24 Ärzte zur Verfügung, in Erbendorf dagegen nur 8 und in Vohenstrauß 13. Jeder niedergelassene Doktor mit Kassenzulassung muss Bereitschaftsdienst leisten. Das teilt ein Obmann ein. Für den Raum Neustadt ist dies Dr. Nikolaus Globisch aus Waldthurn.

Er spricht von nur einer Alternative, die laut KVB möglich gewesen wäre - den Bereich Neustadt in der Mitte teilen. Globisch: "Dann müsste der Flossenbürger Arzt bis Eslarn oder Erbendorf fahren. Irgendwann ist aber die Grenze der Vernunft erreicht." Also hätten die drei Obmänner und ihre Kollegen entschieden, alles so zu lassen, wie es ist. Zudem würden auch in Neustadt bald weniger Bereitschaftsärzte aufgrund Alter, Krankheit oder Schwangerschaften im Pool sein.

Ältere außen vor

Zwar seien die drei Bereiche nun auf dem Papier fusioniert, an der Aufteilung ändere sich jedoch nichts. "Den Vohenstraußer und Erbendorfer Kollegen ist es lieber, sie kommen zwei- bis dreimal öfter dran, als dass sie unendliche Fahrten auf sich nehmen müssen."

Aber das ist eigentlich nicht das, was die KVB gefordert hat. "Was bleibt ihr übrig?", schmunzelt Globisch. "Wir sind viele ältere Kollegen und haben gesagt, wenn ihr das nicht wollt, schmeißen wir den Fahrdienst hin." Denn ab 62 Jahren müssen Ärzte nicht mehr Bereitschaft leisten. Globisch ist 67.

Die KVB will das System so ändern, dass jüngere Ärzte sich trauen, im ländlichen Raum eine Praxis aufzusperren ohne zur 50-Stunden-Woche allzu oft in der Nacht, an Feiertagen oder Wochenenden ran zu müssen. Globisch glaubt nicht, dass dieses Argument sticht. "Früher mussten wir sogar noch Krankenpflege und Notarztdienst mitmachen. Da waren wir zwar noch jünger, aber das war schon machbar." Ein Wochenenddienst dauert heute in der Regel von Freitag, 13 Uhr, bis Montag, 8 Uhr.

Vorerst bleibt es also dabei, dass im Raum Vohenstrauß, Erbendorf und Neustadt jeweils ein Kollege über Telefon 116 117 vermittelt wird. Zu diesen drei Medizinern sollen während der Bereitschaft Patienten kommen, die während der normalen Sprechstunde eine Praxis aufsuchen. Ist ein Patient alt, behindert oder hat keinen Führerschein, setzt sich der Bereitschaftsarzt ins Auto und fährt hin.

"Das kann bei mir bis Kirchendemenreuth oder Krummennaab gehen", sagt Globisch. Das ist der äußerste Bereich des Dienstgebiets Neustadt. Waldthurn liegt genau am anderen Ende. Auf der anderen Seite darf Globisch nicht ins zwei Kilometer entfernte Obertresenfeld. Dort ist schon der Vohenstraußer Kollege zuständig.

Nur noch ein Obmann

Die Einteilung sei vor Jahren noch wesentlich unproblematischer gewesen, seufzt der Obmann. So hätten sich die Ärzte darauf verständigt, dass die Neustädter und Altenstädter Kollegen ihre Orte weitgehend selbst versorgen, damit keiner am Freitagnachmittag sich durch den Verkehr am Neustädter Stadtplatz quälen muss. Alles nicht mehr so einfach. "Überall nimmt die Bürokratie zu."

Trotzdem will Globisch nicht jammern. "Die Einteilung ist zwar aufwendig, es klappt aber ganz gut." Am 18. März treffen sich die Ärzte aus dem fusionierten Bereitschaftsraum in Floß, um dann statt drei nur einen neuen Obmann zu wählen. Ob Globisch antritt, weiß er noch nicht. "Ich warte mal ab."

"Der Job ist nicht einfach", sagt Dr. Gudrun Graf aus Neustadt. "Da kann es vorkommen, dass der Urologe zum Herzpatienten fährt." Eigentlich ist der Bereitschaftsdienst dazu gedacht, dass Menschen mit Beschwerden außerhalb der Sprechzeit in die Praxis kommen. "Aber immer weniger wollen warten. Die hocken sich dann mit einem Schnupfen in die Notaufnahme am Krankenhaus", ärgert sich Graf. Vor allem jüngere Leute hätten keine Hemmungen, mit Lappalien die Notversorgung in Kliniken zu verstopfen, was dort das Personal fuchsteufelswild mache.

Allerdings gebe es vor allem in sehr ländlichen Gegenden noch zu viele, die bei ernsten Sachen in falsch verstandener Tapferkeit ausharrten, bis der Herr Doktor am Montag wieder Sprechstunde habe, berichtet Graf. Globisch bedauert eher das Gegenteil: "Bei 50 Prozent unserer Fahrten besteht eigentlich keine Besuchsnotwendigkeit. Aber das sehe ich halt erst vor Ort." Zudem fällt ihm auf, dass sich unangenehme Bequemlichkeit breit macht. "Die Leitstelle schickt die Leute zu mir in die Praxis. Wenn ich aber ein paar Minuten später von einem Besuch komme, ist keiner mehr da. Bevor der Patient wartet, fährt er lieber wegen nichts in die Notaufnahme."
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