Keine Angst vor "Achtfuffzig"

Friseurinnen gehören bekanntermaßen nicht zu den Großverdienern der Republik. Christine Bova (links), die vor kurzem im Salon Sengenberger ausgelernt hat, darf sich aber freuen, dass ihr nun 8,50 Euro Mindestlohn zustehen. Bild: Huber

Manche können das Wort schon nicht mehr hören. Dabei geht es mit dem Mindestlohn erst richtig los. Zum Beispiel wird deshalb das Essen in der Stadthalle ein bisschen teurer.

Wirt Peter Siller beschäftigt fünf Festangestellte und hat ein Personalreservoire von knapp 30 Aushilfen. Die Preiserhöhung schiebt er aber nicht allein dem Mindestlohn in die Schuhe. "Wir wollten eh was an der Speisenkarte machen." Denn seit kurzem ist nicht nur das Gesetz über 8,50 Euro pro Stunde in Kraft, sondern auch die Kennzeichnungspflicht für Allergene. "Das heißt, wir haben bald einen Hinweis auf der Karte, dass an der Theke eine Liste aufliegt, in welchem unserer Gerichte Senf, Laktose oder Schalenfrüchte verarbeitet sind", erklärt Siller.

So viel Neues wird dazu führen, dass die Gerichte bis zu 40 Cent mehr kosten. "Was bleibt mir übrig?", fragt der Wirt "Im Herbst hat mir die Brauerei die Preise erhöht. Ich kann das aber schlecht auf die Getränke umlegen, denn wir sind mit 2,80 Euro für ein Hefeweizen für Neustadt sowieso schon am oberen Rand."

Friseurmeister Armin Sengenberger verlangt für einen Haarschnitt seit 2. Januar etwas mehr. "Das hat aber nichts mit dem Mindestlohn zu tun", versichert er. "Ich zahle bereits seit Mai letzten Jahres besser." Neu sei aber der Tarif für "Jungfriseure". So heißen ein Jahr lang Nachwuchskräfte, die ausgelernt haben. Sie bekommen ab Mai 1436 Euro für die 39-Stunden-Woche. Das sind exakt 8,50 Euro.

Sengenberger und seine Frau schneiden selbst. Daneben beschäftigen sie drei Vollzeit- und drei Teilzeitfriseurinnen, drei Azubis und eine Bürokraft. Entgegen der landläufigen Meinung im Friseurhandwerk begrüßt der Chef die neuen Tarife. "Ich freue mich über den Mindestlohn. Das ist eine Chance für den Beruf, gute Leute zu bekommen und zu halten."

Seine Angestellten bekämen deutlich über neun Euro, schließlich sollen sie motiviert sein und etwas können. Der Chef schickt seine Leute auf Kurse nach München und sogar mal nach London, um die Trends und Techniken der Großstädte auch in Neustadt anbieten zu können. Daher auch die Preiserhöhung. Dafür versuchen die Sengenbergers alle Azubis zu übernehmen. Vor zwei Jahren hat der Meister einen Ausbildungspreis erhalten.

Gute Leute kosten

"Die Zeiten, als für sieben Euro gearbeitet wurde, sind lang vorbei", winkt auch Gärtnermeister Reiner Steinhilber ab. Stichwort Fachkräftemangel. "Wir wollen schließlich gute Floristen." Steinhilber beschäftigt neben 2 Auszubildenden 13 Voll- und Teilzeitkräfte. Sie bekämen je nach Geschick und Betriebszugehörigkeit "auf alle Fälle mehr als 8,50 Euro". All das löst aber ein Problem nicht: "Wir hätten gern noch einen Gärtner, finden aber keinen."

Bleiben die Bäcker, denen ebenfalls Heulen und Wehklagen wegen des neuen Gesetzes nachgesagt wird. Josef Arnold hält sich indes zurück. "Unsere Löhne liegen gut drüber. Das ist aber schon länger so." Für den Preis seiner Semmeln spiele das keine Rolle. Arnold und seine Frau beschäftigen drei Verkäuferinnen und drei Mitarbeiter in der Backstube.

Dazu kommt eine Putzfrau, die jeden Abend den Laden saubermacht. Nur wegen dieser Minijobberin fürchtet Arnold das neue Gesetz. "Das hat nichts mit dem Finanziellen zu tun. Ich muss halt jetzt wegen der Zollkontrollen für sie eine genaue Liste mit den Arbeitszeiten führen." Doch Mehraufwand sei er schließlich gewohnt, schmunzelt der Chef mit Blick auf seine eigene Arbeitszeit: "Ich bin in meinem Betrieb der einzige, der unter dem Mindestlohn bleibt."
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