Kirche, Kinder und Karnickel

Wie hält es die katholische Kirche künftig mit dem Kondom? Die jüngste Äußerung des Papstes befeuert eine jahrzehntelange Diskussion neu. Bild: dpa

Wie fulminant Papst Franziskus' "Karnickel"-Äußerung zur Geburtenkontrolle ist, kann man daran ablesen, dass es manchen die Sprache verschlägt, die sonst selten um ein Wort verlegen sind. Einige Pfarrer aus der Region wollen dazu gar nichts sagen. Andere zum Glück aber doch.

Egal in welchem Pfarramt der Anruf eingeht, was denn der örtliche Seelsorger davon hält, wenn das katholische Kirchenoberhaupt sehr drastisch Verantwortungsbewusstein bei der Familienplanung anmahnt - am anderen Ende der Leitung entsteht erst einmal eine Pause.

Manch einer hat keine Zeit für eine Antwort, weil er dringend auf eine Beerdigung muss. Andere sagen, dass sie noch gar nicht davon gehört haben, dass Franziskus gesagt hat, ein guter Katholik müsse nicht zwangsläufig Kinder "wie die Karnickel" in die Welt setzen. Klar, die Frage führt schnell auf theologisches Glatteis. Doch etliche Pfarrer haben sich bereits Gedanken gemacht und begrüßen den Mut des argentinischen Pontifex.

Ehepaare entscheiden

So wie Hubert Bartel , der Windischeschenbach und Neuhaus betreut. "Es ist richtig, die Leute so unkonventionell anzusprechen. Man muss Wege finden, Leben und Lehre in Einklang zu bringen." Dabei empfiehlt Bartel, pragmatisch vorzugehen. Auch beim Thema Verhütung jenseits des Tabus Abtreibung. "Es sollte die freie Entscheidung eines Ehepaars sein, wie viele Kinder es möchte. Da muss man die Lebensumstände abwägen." Methoden, die eine Befruchtung verhindern, mag Bartel daher nicht verdammen. Es gebe Einzelfälle, in denen er Kondome durchaus befürworte.

So weit möchte sich Jaison Thomas aus Pirk nicht aus dem Fenster lehnen. Der indische Geistliche zeigt ebenfalls Sympathien für Franziskus klare Worte, die vor allem auf Entwicklungs- und Schwellenländer abzielten. Seine Heimat könne dabei einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Bevölkerungswachstum und Armut sein. "Mein Bundesstaat ist der einzige in Indien, wo mehr Mädchen als Buben leben." Die bekämen später im Schnitt nur etwa zwei Kinder, einfach weil sie verantwortungsbewusster seien.

Der Eschenbacher Stadtpfarrer Thomas Jeschner lehnt künstliche Empfängnisverhütung ab. Im Papstwort entdeckt er "nichts Neues". Die Kirche habe schon immer von "verantwortungsbewusster Elternschaft" gesprochen. Dies sei keine pauschale Empfehlung zu Geburtenkontrolle, sondern vielmehr zu "natürlicher Familienplanung". Dazu gäbe es verschiedene Methoden, die auf Brautleutetagen durchexerziert würden. Auch Ärzte gäben dazu Auskunft. Außer auf Enthaltsamkeit laufe dies etwa auf die Verhütungsmethode des Temperaturmessens hinaus.

Direktor Manfred Strigl vom Haus Johannisthal hat dagegen bei den Karnickeln geschluckt. "Natürlich fragt man sich, ob ein Papst so salopp daherreden darf, aber er bewegt sich damit trotzdem auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils." Das deute auch keine Abkehr von der Position zur künstlichen Verhütung an. "Franziskus hat ja auch Paul VI. (umgangssprachlich "Pillenpapst" genannt, die Red.) heiliggesprochen. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass er so etwas grundsätzlich verändern will."

Ähnlich schätzt Pfarrer Manfred Wundlechner aus Püchersreuth die Lage ein. "Franziskus sagt selbst, dass er sich als Kind seiner Kirche sieht." Die sei in Fragen von Sexualmoral und Familie ziemlich gefestigt. Diesen Eindruck habe er erst vor kurzem auf einer Fortbildung gewonnen. Das beinhalte auch die Offenheit fürs Kind und die Unauflöslichkeit der Ehe. Wundlechner hat selbst erlebt, dass die Kirche sakramentale Ehen aufgelöst hat. "Das kann sein, wenn jemand den Segen will, aber sich dabei schon bewusst gegen Kinder entscheidet. Oder wenn einer der Partner dem anderen diese Einstellung vor der Hochzeit bewusst verschwiegen hat."

Raum für Spekulationen

Armin Spießl , der die Seelsorgeeinheit Mantel-Neunkirchen betreut, will die Aussage nicht "zu hoch hängen". Es sei aber durchaus möglich, dass der Papst seine Aussage schon in Richtung der Familiensynode im Herbst Stellung genommen habe, bei der erneut Ehe und Sexualität eine wichtige Rolle spielen sollen. Dass sich die Kirche in den kommenden Jahrzehnten für künstliche Verhütung öffnen könnte, schließt Spießl nicht aus.

Der Vohenstraußer Alexander Hösl sieht wie sein Eschenbacher Amtsbruder Jeschner ebenfalls nichts Neues in der Meldung. "Ich bin fasziniert vom Papst, finde aber die Wortwahl in Zusammenhang mit werdendem Leben unglücklich." Er glaube nicht, das Franziskus der Synode etwas habe vorwegnehmen wollen. "Ihm geht es um den gemeinsamen Weg." Auch Thomas Stohldreier aus Schirmitz hadert ein bisschen mit der plakativen Sprache Jorge Mario Bergoglios. "Es ist witzig gemeint, aber ich weiß nicht, ob es der Thematik angemessen ist." Inhaltlich sei die Sache mit der verantwortungsbewussten Elternschaft aber klar. Mann und Frau entscheiden, wann und wie viele Kinder sie haben wollen. Zudem zeichne Franziskus den Weg zu Geburtenkontrolle ohne Pille und Kondom vor.

Stohldreier würde es indes gefallen, wenn die Synode darüber erneut diskutieren und sich dafür öffnen würde. "Das Verbot künstlicher Verhütung ist für die junge Generation kaum diskursfähig." Der Seelsorger kann das zum Teil nachvollziehen. "Sofern die Würde der Frau und die Würde des Lebens nicht angetastet werden." Im Klartext: nein zu abtreibenden Methoden. "Über alles andere zu reden, wäre wünschenswert."

Unter einem ganz anderen Blickwinkel beurteilt Wolfgang Brunhofer aus Krummennaab das Kirchenoberhaupt. Er ist Vorsitzender des Kaninchenzüchter-Kreisverbands Weiden. Deutschlands oberster Züchter, Erwin Leowsky , fühlt seine Langohren durch das Karnickel-Bonmot beleidigt und beklagte sich öffentlich. Brunhofer kann darüber nur lachen: "Mich stört das nicht. Der Papst ist schon in Ordnung."
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