Klezmer erklingt

Zusammen mit bekannten Namen aus der Szene standen 40 Workshop-Teilnehmer, darunter 16 vom Neustädter Gymnasium, auf der Bühne in einer Dachauer Realschule. Am Ende hatten alle getanzt. Bild: bgm

Klezmer ist hierzulande eher selten zu hören - außer am Gymnasium Neustadt. Dort ist die Musikrichtung seit einigen Jahren fest etabliert. "Diese Musik fängt erst dann zu klingen an, wenn sie frei wird, zum Beispiel weil jemand einen Ton entdeckt, den er geil findet und den er wieder und wieder spielt."

Das sagt Musiklehrer Andreas Kraus, der die Gruppe "Carl-s-son" leitet, die aus 18 Schülern besteht. Für viele Schulmusiker sei Klezmer mit seiner Spontanität schwer zu verstehen. "Auch für mich war das so. Ich musste viele Workshops besuchen", erinnert sich Kraus, der die jiddische Volksmusik nun schon seit mittlerweile 20 Jahren praktiziert. Seit 2009 unterrichtet er am Neustädter Gymnasium und hat für sein Projekt 38 Schüler zum Mitmachen bewegt.

Ideale Bedingungen

Die aktuelle Besetzung von "Carl-s-son" gibt es seit 2012 und seitdem habe die Gruppe ein "enormes Potential" entwickelt. Vor allem, weil sie Spaß an der Musik und an der Kultur hätten. "Man muss sich auch mit der Kultur beschäftigen", sagt Kraus. Am Gymnasium Neustadt seien die Bedingungen ideal. Von der Schulleitung komme jede Förderung und auch auf die Unterstützung der Eltern könne er zählen. "Ich bin hier echt gerne. Es ist eine schöne Schule", sagt Kraus zufrieden.

Klezmer mag für europäische Ohren im ersten Augenblick etwas melancholisch klingen. Das liege an den jüdischen Tonarten, erklärt Kraus. Da gibt es zum Beispiel die Tonart Ahavo Raba, hebräisch für "Große Liebe", die für romantische Lieder Verwendung findet. Mi Sheberakh heißt übersetzt "Er, der segnet" und kann für religiöse Lieder Verwendung finden aber genauso für feierliche Anlässe wie bei Hochzeiten. Von liturgischer Musik hielten sich die meisten Klezmer-Musiker ohnehin fern. Das gilt auch für "Carl-s-son". "Das ist einfach eine Frage des Respekts", betont Kraus.

Ein "geniales Erlebnis" sei es gewesen, als sie um 5 Uhr morgens bei nur vier Grad in Flossenbürg anlässlich der Gedenkandacht für Dietrich Bonhoeffer gespielt hätten. Kraus stellt aber klar: "Wir spielen keinen Betroffenheitsklezmer." Ihnen ginge es viel mehr darum diese "uralte Musiktradition" zu erhalten. "Wir spielen gern auf Gedenkveranstaltungen, aber selbst meine Generation sollte sich von der Schuldzuweisung lösen", meint der Musiklehrer.

Im Juli stand für die Klezmermusiker des Gymnasiums ein Höhepunkt auf dem Stundenplan: Ein Workshop mit Alpenklezmer unter dem Titel "Landler und Freylekhs" in Dachau. Veranstalter waren neben dem Kultusministerium die Bayerische Landeskoordinierungsstelle für Musik, die Landesarbeitsgemeinschaft Volksmusik an Schulen und die Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit. Alpenklezmer ist ein Projekt der Münchener Musikerin Andrea Pancur und des lettischen Künstlers Ilya Shneyveys aus Riga, bei dem bayerische Musik auf Klezmer trifft. Als Musikreferenten waren weitere Größen der Szene wie Guy Shalom (Schlagzeug) aus London oder Szilvia Csaranko (Akkordeon, Klavier) aus Budapest angereist. Drei Tage lang musizierten 40 Teilnehmer, davon 16 vom Neustädter Gymnasium, mit den großen Vorbildern. "Ohne Konkurrenzdenken, das hat man bei dem Konzert gemerkt. Es haben sich alle wahnsinnig wohl gefühlt dabei", sagt Kraus zum dreitägigen Workshop und zum großen Abschlusskonzert .

"Das sind Vollblutmusiker"

Nach nur eineinhalb Tagen standen die 40 Teilnehmer und die Referenten gemeinsam vor Publikum auf der Bühne. Für Klezmer-Musiker an sich nichts Ungewöhnliches - es sei typisch, dass man häufig mit Gastmusikern spiele, erklärt Kraus. In Dachau lief es hervorragend. "Am Schluss haben alle getanzt und es waren nur noch vier Personen auf der Bühne. Neben den beiden Alpenklezmer-Musikern Pancur und Shneyveys waren das zwei von der Neustädter Gruppe: Joannes Pflaum mit seiner Klarinette und Sophia Zahner mit dem Saxofon. "Die haben mit den beiden großen fleißig Jam-Session gemacht. Das fand ich beeindruckend, dass sich die das getraut haben. Das sind Vollblutmusiker", lobt Kraus.

Der Workshop hat die Neustädter Schüler mit ihrem Lehrer, aber auch die Veranstalter und Alpenklezmer-Musikanten so begeistert, dass sie kurzerhand eine Neuauflage beschlossen haben. Und die kommt nach Neustadt. Am 4. und 5. November treffen sich Klezmer-Musiker aus ganz Bayern im Gymnasium auf dem Felixberg. Der Workshop richtet sich an alle Altersgruppen ab 14 Jahren, auch an Erwachsene. Am 5. November findet ein Konzert mit Alpenklezmer in der Stadthalle statt und da will Kraus nicht kleckern: "Das soll noch eine Nummer größer werden als letztes Mal."
Weitere Beiträge zu den Themen: September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.