Konsequent innehalten

Man hatte mich pränatal auf Verkrampfung geimpft.

Obwohl er den ganzen Tag unterwegs war, macht der Schweizer Theologe und Buchautor Pierre Stutz einen entschleunigten Eindruck. "Von Lausanne bis Neustadt bin ich mit der Bahn gefahren", erzählt er 80 Zuhörern in der Stadthalle. Doch Stutz ging es nicht immer so gut.

Auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung und ihres stellvertretenden Kreisvorsitzenden Anton Dobmayer schilderte er, wie es ihm nach einem Burnout gelungen war, sich wieder "in seinem Haus" zurechtzufinden. Die Worte sind von Karl Valentin entlehnt. "Heute wollte ich mich besuchen. Mal schauen, ob ich zu Hause bin." Stutz gestand, dass er für dieses Zurechtfinden über zwei Jahre gebraucht habe.

In jener Zeit las er "Die sieben inneren Wohnungen der Seele", eine Schrift der spanischen Mystikerin Teresa von Ávila aus dem Jahr 1577. Die Offenbarungen der Kirchenlehrerin hätten ihm geholfen innezuhalten. "Vorher fand ich nicht einmal Zeit, in meinem Bauch zu atmen. Man hatte mich pränatal auf Verkrampfung geimpft."

Nach dem Burnout initiierte Stutz ein offenes Kloster für Männer und Frauen. Um das marode Gebäude zu unterhalten, spielte er Lotto - teils mit Erfolg. "Auch im Kloster gibt es Höhen und Tiefen", zitiert er die italienische Mystikerin Katharina von Siena. Dass das Klosterprojekt langfristig nicht tragbar gewesen sei, habe ihn sogar dankbar gemacht. "Es bestand 20 Jahre lang." Hier hatte er seinen Lebenspartner kennengelernt, mit dem er glücklich ist.

Fehler akzeptieren

Mystik sei abgeleitet aus dem Griechischen und bedeute "Augen schließen und nach innen schauen, um klarer zu sehen". Als mystisch bezeichnet Stutz "einen Menschen, der keine Angst vor der eigenen Größe hat, ohne Größe zu wahren". Er spricht sich dafür aus, Dünnhäutigkeit und Fehler zu akzeptieren. "Die Menschen überlesen den ersten Satz der Bibel, der die göttliche Vollkommenheit in der Schöpfung beschreibt. Dann kommen schon Adam und Eva, der Turmbau zu Babel und ähnliche Zwistigkeiten."

"Wenn Adam nicht in den Apfel gebissen hätte, wären wir heute noch in Paris", hatte ihm einmal ein vorwitzigen Vorschulkind erklärt. "Paris, sprich das Paradies ist auch in dir", ergänzte Stutz mit Augenzwinkern. "Immer mehr Kinder knirschen mit den Zähnen. Sie sind das Spiegelbild einer Gesellschaft, die ihre Balance verloren hat. Der gesunde Arbeitsrhythmus fehlt, im Hamsterrad gehen Verantwortung und Durchatmen verloren."

Bäume als Lehrmeister

Man gehe "schnell meditieren", damit man schnell weiterarbeiten könne. "Wenn ich schnell etwas von meinem Computer will, geht er extra langsam", versichert Stutz. "Der Computer meditiert und sammelt seine Ressourcen. Die kriege ich erst, wenn er sie gesammelt hat." Die Quintessenz: "Bist du besonders gefordert, sei besonders gnädig zu dir."

Bäume könne man als spirituelle Lehrmeister betrachten: "Je tiefer die Wurzeln, desto länger kämen die Äste hinauf." Für ihn sei das Höchste, wenn er in Ruhe schreibe, ohne groß dabei zu denken. Dasselbe gehe auch beim Kochen, Malen, Singen. Anstatt jeden Moment zu bewerten, soll man ihn "sein" lassen. Die in Auschwitz vergaste Etty Hillesum verfasste "Das denkende Herz", der kleine Prinz sprach vom, "sehenden Herz" und in der Ersten Offenbarung bat Salomo Gott um ein "hörendes Herz". Mit dem "Herz im Kopf" habe uns der Kopfsalat einiges voraus. Wir müssten dazu immer wieder Kurse belegen, meint der Mystiker.
Weitere Beiträge zu den Themen: März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.