Kurz vor Weihnachten

"Der bewegendste Tag mit Familie Nagy war, als wir zusammen mit ihnen die beiden Kinder Karol und Enikö 1988 vom Flughafen Frankfurt abgeholt haben. Als letztes verließ der Pilot mit den Kindern an der Hand das Flugzeug."

1987 waren die Eltern aus Rumänien über Waidhaus in die Oberpfalz geflüchtet. Die Kinder mussten sie zunächst zurücklassen. Vater und Mutter waren sich aber aufgrund der Gesetze zur Familienzusammenführung sicher, dass sie bald nachkommen durften. Letztlich dauerte die Trennung etwas mehr als ein halbes Jahr.

"Unser absolutes Glück"

"Man hat nicht nur gegeben, sondern sehr viel zurückbekommen", schreibt Erna Hauer im Brief zur gemeinsamen Glücksverlosung von Deutscher Post und dem Medienhaus "Der neue Tag". Die Neustädterin wiederum war für die Rumänen "unser absolutes Glück", hatte Karl Nagy im Interview für unsere Zeitung vor 26 Jahren gesagt. Sie kümmerte sich damals um Asylanten.

Seit 1990 baute Hauer ihre Rumänienhilfe als private Aktion auf. "In 24 Jahren haben wir viele Freundschaften geknüpft. Bereits 33 Mal waren wir mit Hilfstransporten in Rumänien." Immer wieder sei sie beeindruckt von der großen Gastfreundschaft und Dankbarkeit.

"Spenden macht glücklich", meint Sandra Löw. Die Weidenerin bittet alle, die gut versorgt sind, etwas abzugeben, sei es Geld, Kleidung oder Schulranzen. Sie nennt es mutig, dass Menschen wie der äthiopische Langstreckenläufer Getachew ihre Heimat verlassen und alles aufgeben, um in Deutschland ihr Glück zu suchen. Passend dazu ein Satz, den Petra Seidl-Irlbacher geschickt hat: "Der Wunsch, glücklich zu sein, kennt keine Grenzen".

Bus aus Sudetenland

Einen Teller Suppe für ankommende Flüchtlinge am Schützenhaus in der Leuchtenberger Straße am Ende des Zweiten Weltkrieges nennt Irene Wittmann-Kassubek einen wunderbaren Willkommensgruß. Noch heute begegnen sich die mittlerweile betagten Kinder der beiden Herren, die damals das Schicksal zusammengebracht hatte. Wie sein Vater schaut der Sohn des ehemaligen Besitzers der Glaserei Roland nach seinem Nachbarn, seinem Nächsten, dankt Wittmann-Kassubek. Ihr Vater war damals mit dem Bus aus dem Sudetenland in der Oberpfalz angekommen.

Namensgleiche Brüder

"Am 1. April 1945 war meine Kindheit beendet. Ich war 13 Jahre alt, meine Oma wurde durch Bomben getötet. Ich wurde elternlos, heimatlos und später berufslos", schrieb Günter Bucek. "Dann bekam ich zehn Jahre später kurz vor Weihnachten eine Überlebensnachricht meiner Eltern - das schönste Weihnachtsgeschenk. Sie hatten inzwischen noch einen Jungen bekommen, dem sie meinen Namen gaben, da sie dachten, ich sei tot."

Dennoch ist der heute 83-jährige Erdinger, dessen Sohn und Schwiegertochter in Weiden wohnen, trotz vieler Umwege und harter Zeiten mit seinem Leben zufrieden. "Leider hat die Menschheit nichts gelernt."

Fee an der Essensausgabe

An die Essensausgabe in einem Lager in Tirschenreuth erinnerte sich die damals Fünf- oder Sechsjährige Christa Guber. "Es gab meistens Gemüse und das war nicht weich gekocht." Das Mädchen hatte nach einer Operation Beschwerden beim Schlucken.

Die Frau von der Essensausgabe nahm sie bei der Hand und stellte sie in die Kleinkind-Gruppe. "'So mein Kind', sagte sie. 'Jetzt kannst du immer Brei essen' und dabei lächelte sie", schrieb Guber, die mittlerweile in Neustadt wohnt.

In den persönlichen Aufzeichnungen der aus dem Sudetenland vertriebenen Mutter fand die Pressatherin Elisabeth Meier eine Nachricht über die größte Freude, die der Familie nach vielen Schicksalsschlägen widerfuhr. Nach jahrelangem Bangen kam eine Nachricht von deren Bruder aus der russischen Gefangenschaft. 1950 wurde er entlassen.

Schutzengel am Bahnhof

"Oft erzählte uns Oma immer wieder von einem fremden Mann, der für sie ein Schutzengel sein musste", schrieb Hildegard Dobner über einen extrem glücklichen Moment in größter Not während der Flucht von Breslau nach Weiden am Ende des Krieges. Eigentlich wollte die Familie nach Dresden. Auf einem Bahnhof beim Umsteigen seien sie von dem Unbekannten angesprochen worden.

"'Liebe Frau, wo wollen sie denn mit ihren Kindern hin? Nach Dresden?' Die Oma bejahte und er antwortete aufgeregt: 'Um Gottes Willen, steigen sie sofort wieder ein und fahren sie mit diesem Zug weiter Richtung Bayern!" Er habe mit soviel Nachdruck geredet, dass er der vierköpfigen Familie fast keine andere Wahl ließ, als zu gehorchen. Durch ihn entgingen sie alle der Dresdner Hölle bei den Bombenangriffen.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.