Neid und Unruhe statt Transparenz

Barbara Mädl. Bild: Steinbacher (Archiv)

Die Forderung: Unternehmen sollen ihre Gehaltsstrukturen offenlegen. Die Reaktion: Personalleiter, Betriebsrat und Gleichstellungsbeauftragte können mit der Idee nichts anfangen und befürchten Neiddebatten.

Josef Bock sieht in einer Offenlegung der Gehaltsstruktur Gefahren. Der Neustädter DGB-Kreisvorsitzende warnt vor einer Neidkultur in Deutschland. Ein entsprechendes Gesetz würde Tür und Tor für Spekulationen öffnen.

"Einkommen ist komplex"

Fakt sei, dass das Lohnniveau der weiblichen Mitarbeiter steige: "Wir begrüßen außerordentlich, dass Arbeitgeber aufgrund der Knappheit an qualifizierten Kräften nicht mehr herumkommen, dass sie Frauen gut bezahlen." Bock gibt aber zu bedenken: "Einkommen ist komplex." Zu einem Entgelt zählen nicht nur das Bruttogehalt, sondern auch das Dienstauto und das Firmenhandy. In Zeiten einer Unternehmenskrise müssten Eingeständnisse gemacht werden. Es sei nach wie vor so, dass viele Frauen keine 38 oder 40 Stunden arbeiten wollen. Sei es wegen der Kinder, der Familie oder aus anderen Gründen. Gerade wegen der Teilzeitbeschäftigten seien Statistiken oft verzerrt. Außerdem lägen Arbeitnehmer mit ihrer Selbstwahrnehmung oft daneben: "Es gibt das Phänomen, dass sich Leute über- oder unterschätzen."

Wegen all dieser Gründe ist Bock gegen eine Offenlegung: "Wir wollen nicht auf Stammtischniveau diskutieren." Um gerechte Löhne zu schaffen, nimmt er dafür sich selbst und seine Betriebsratskollegen in die Pflicht. Denn wer dem Gremium angehört, hat Einsicht in die Gehälter der Mitarbeiter. Der 48-Jährige rät Arbeitnehmern, sich an den Betriebsrat zu wenden. Durchaus ist es laut Bock oft der Fall, dass Mitarbeiter auf ihn zukommen und sich nach der Eingruppierung erkundigen. Wird eine ungerechte Bezahlung festgestellt, geht es meist an den Verhandlungstisch mit dem Chef.

Für weibliche Mitarbeiter sieht Barbara Mädl, Gleichstellungsbeauftragte am Landratsamt, gerade bei Gehaltsgesprächen Handlungsbedarf. "Wir stellen fest, dass Frauen sich oft mit geringeren Löhnen zufrieden geben." Deshalb müsse das Selbstvertrauen gestärkt werden. Auch Mädl spricht sich gegen die Einsicht in Gehaltsstrukturen aus: "Ich glaube, dass Deutschland noch nicht so weit ist." Sie denkt dabei vor allem an Neid und Unruhe. Die Gleichstellungsbeauftragte schätzt die Unterschiede bei der Bezahlung nicht als immens ein. "Ich glaube, dass eine Frau in einer gleichen Position und bei gleicher Berufserfahrung annähernd die gleiche Bezahlung erhält." Das Problem sei, dass Frauen oft in Berufsfeldern arbeiten würden, die nicht so gut entlohnt werden. Also beispielsweise als Erzieherin oder in der Pflegebranche. Diese "typischen Frauenberufe" müssen laut Mädl besser bezahlt werden. Außerdem gebe es Unterschiede, weil Frauen oft beruflich eine Pause einlegen müssen, beispielsweise wegen einer Babypause. "Wenn man das alles rausrechnet, ist die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen nicht mehr so groß."

Nur die Qualifikation zählt

Marco Götz, Personalleiter bei Pilkington (rund 470 Beschäftigte), sieht eine gewisse Offenlegung schon aufgrund der Tarifverträge gegeben. Auch er hält vom Reformvorschlag nicht viel: "Ich bin der Meinung, das muss nicht unbedingt sein." Er betont: "Wir unterscheiden nur bei der Qualifikation. Wer gleiche Leistung bringt, hat das Recht auf gleiches Entgelt." Dabei spiele es keine Rolle, ob Mann oder Frau. Außerdem erklärt Götz: "Um die wichtigen Fachkräfte zu bekommen, spielen Frauen eine immer wichtigere Rolle."
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