Neustadt driftet gen Norden ab

13 Leser und die Geoparkranger Bettina Rüstow (links) sowie Kurt Pongratz (rechts) erforschten die Kreisstadt gemeinsam bei einer rund zweieinhalbstündigen Führung unter dem Motto "Neustadt vor 500 Millionen Jahren".

Geologie und Geschichte lassen sich nicht trennen. Gäbe es zum Beispiel den Gneisrücken in Neustadt nicht, wäre niemand auf die Idee gekommen, dort eine Feste oder ein Schloss zu bauen. Bei einer exklusiven geologischen Führung erfuhren unsere Leser solche und viele andere interessante Fakten.

Die Veranstaltung stand unter dem Motto "500 Millionen Jahre Neustadt". 500 Millionen Jahre? Richtig gelesen. Denn aus den Felsen lässt sich viel herauslesen und ableiten. Der Gneis ist das älteste Gestein der Gegend und dafür verantwortlich, dass Neustadt erhöht liegt. Die beiden Geoparkranger Kurt Pongratz und Bettina Rüstow verrieten die Details und Geschichten bei der historischen Zeitreise.

Am Rande eines Meeres

Pongratz erklärte: "Gneis ist kein Werkstein wie Granit. Er ist weder in Brunnen oder Grabsteinen, noch in Kunstwerken zu finden. Obwohl die Hauptbestandteile dieselben sind wie bei Granit. Aber Gneis ist nicht so gut zu bearbeiten." Früher sei er als Baustein in Mauern verwendet worden. "Es scheint auch Bergbau gegeben zu haben, allerdings im kleinen Ausmaß", verrät der Geoparkranger außerdem. Beim Autobahnbau bei Altenstadt seien alte Stollen gefunden worden.

Rüstow verblüffte mit dem Wissen um die Bäume, die in Hanglage nicht waagerecht in die Höhe, sondern schräg aus der Erde wachsen: "Der Hang rutscht. In ein paar 100 Jahren wird er den Weg zuschieben." Eben jenen, auf dem die Leser und Geoparkranger im Mai 2015 unterwegs sind. Aus heutiger Sicht unvorstellbar. Doch die Geologie nimmt sich viel Zeit.

Das beweist etwa die Kontinentaldrift. Vor 500 Millionen Jahren war Neustadt auf dem sogenannten Gondwana-Kontinent noch am Rande eines Meeres und südlich des Äquators. Über die Jahrmillionen verschoben sich die Erdplatten - Neustadt war laut Rüstow vorübergehend wahrscheinlich auf einer Insel -, und heute liegt die Kreisstadt Mitten in Europa.

Leben nur im Wasser

Rüstow machte es noch plastischer: "Wir stehen auf einer scheinbar unbeweglichen Erde. Derweil driftet sie jedes Jahr zwei Zentimeter Richtung Norden." Angesichts der Größe des Globusses ein Klacks. Auf mehrere Millionen Jahre gerechnet aber mit enormen Auswirkungen.

Das Bild, das die beiden Geoparkranger von Neustadt und der Welt vor 500 Millionen Jahren bei der rund zweieinhalbstündigen Führung zeichnen, ist logischerweise ein vollkommen anderes, als heute. Keine Menschen. Das Leben spielt sich hauptsächlich im Meer ab. Quallen und fischähnliche Lebewesen bewohnen es.

Auch Pflanzen finden sich überwiegend im Wasser. Auf dem Land muss es aber bereits auch welche gegeben haben. Rüstow erklärte: "Die älteste Pflanze, die gefunden wurde, ist 600 Millionen Jahre alt. Neustadt könnte also nicht ganz kahl gewesen sein."
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