Ruß statt Rouge

Am ersten Tag bereits ein Team. Dem Himmel etwas näher sind (von links) Chef Helmut Frank , Kaminkehrermeister Matthias Bösl, neue Auszubildende Selina Zahn und Florian Feldwein, Lehrling im zweiten Jahr. Bild: Götz

Das Ausbildungsjahr beginnt. "Das ist mein letzter Lehrling vor der Rente", kündigt Kaminkehrermeister Helmut Frank an. Selina Zahn ist gleichzeitig das erste Mädchen, das er ausbildet. Für sie war das schon seit Jahren klar.

Schon in der 7. Klasse stand für die Schülerin fest, dass sie die Ausbildung in seinem Kaminkehrer-Betrieb machen will. Vor drei Jahren bot die Neustädter Lobkowitz-Realschule wie jedes Jahr den Girl's Day an. An diesem Tag konnten Schülerinnen freiwillig in einem typischen Männerberuf reinschnuppern. Helmut Frank kannte sie aus dem Ort, sie sind beide aus Püchersreuth. Schon nach diesem Tag erklärte sie ihm, dass sie genau in diesem Beruf und seinem Betrieb eine Ausbildung machen wolle.

Langjähriger Berufswunsch

Der Kaminkehrermeister beschwichtigte die damalige Siebtklässlerin. Sie solle nichts überstürzen und es sich nochmal genau überlegen. In der 9. Klasse machte sie in seiner Firma ein Pflichtpraktikum. "Ich habe nie gezweifelt. Ich wusste, ich wollte das werden." Ihre Zähheit wurde belohnt. Schon während des Praktikums sicherte der Chef zu, dass er sie höchstwahrscheinlich ausbilden werde.

Nun beginnt das Ausbildungsjahr und Selina Zahn ist dort, wo sie sich schon vor drei Jahren gesehen hat: In schwarzer Arbeitskluft mit Kehrbürste auf einem Flachdach. "Wir wollen Selina erst einmal an die Höhe gewöhnen", erklärt der Chef. Doch die neue Azubine wiegelt ab, sie habe keine Höhenangst. Der Beruf bestehe ohnehin nur noch zu zehn Prozent aus Dacharbeiten. Mit ihren Kollegen, dem Chef, dem Kaminkehrermeister Matthias Bösl und einem weiteren Azubi überprüft und reinigt sie auch eine Hackschnitzelheizung in einem großen Möbelhaus. Bei der Arbeit wirkt nicht wie der Neuling am fremden Arbeitsplatz. Der Umgang im Team ist sehr freundschaftlich. "Ich versteh mich ganz gut mit den Leuten", sagt sie zufrieden. Kein Wunder, seit Jahren ist sie mit dem Betrieb verbunden. Ihr Umfeld hat sehr positiv auf ihre Berufswahl reagiert. "Alle finden das cool, weil sowas nicht jeder macht." Einen Bürojob, der typischerweise mit Frauen verbunden wird, könne sie sich gar nicht vorstellen. "Total langweilig", wehrt sie ab.

Büroarbeit zu langweilig

Ihre Ausbildung sei sehr vielfältig, jeden Tag lerne sie etwas Neues. "Außerdem will ich draußen sein und unter Leute kommen." Ihre Kollegen finden nichts Ungewöhnliches an der neuen Mitarbeiterin. "Frauen in diesem Beruf sind keine Seltenheit mehr", stellt Mitarbeiter Bösl fest. Die Handwerkskammer berzeichnet in der Oberpfalz 52 Lehrlinge, sechs davon sind Frauen. Auch körperlich sei die Tätigkeit kein Thema. Die schwarzen Hände stören Selina Zahn nicht. "Manche Mädchen sind eben eher so tussimäßig und wollen sich nicht schmutzig machen." Ihren ersten Tag ging das Team ganz langsam an. "Schritt für Schritt nach oben", ist für ihre Ausbilder das Motto.
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