Streit um "Defi" wiederbelebt

Die einen sagen, die Anwendung ist kinderleicht. Die anderen zweifeln, ob das je einer nutzt. Ein Defibrillator, hier bei einer Vorführung in Amberg, soll nun auch in der Stadthalle Neustadt installiert werden. Bild: Huber
 
"In Neustadt muss erst einmal was passieren, bevor der Stadtrat reagiert. Das ist die größte Sauerei überhaupt." Gerhard Steiner, Fraktionssprecher der Freien Wähler

Die Stadthalle bekommt einen Defibrillator. Wochen zuvor hatte der zweite Feuerwehrkommandant dort einen Herzstillstand. Die Diskussion um den mobilen Lebensretter reicht jedoch viele Jahre zurück und ist bis heute ein Politikum.

"So weit, so gut", beantwortet Reiner Konz die Frage nach seinem Gesundheitszustand. Beim Kameradschafts- und Ehrenabend der Feuerwehr in der Stadthalle musste der zweite Kommandant am 11. Juli wiederbelebt werden. Plötzlich war er vom Stuhl gekippt, Herzstillstand. Zwei Kollegen neben ihm leisteten sofort Erste Hilfe. Einer übernahm die Herzdruckmassage, der andere beatmete Konz. Nach einer Woche im künstlichen Koma und eineinhalb Wochen auf der Wachstation ist er wieder daheim und wartet auf die Reha.

Kommandant wiederbelebt

An den Vorfall am Abend, ja an den ganzen Tag, könne er sich nicht mehr erinnern. Aber den ersten Gedanken nach dem Aufwachen weiß er noch genau: "Als ich zu mir gekommen bin, dachte ich zuerst: Die Stadthalle braucht einen Defibrillator." Er schwor sich, auf eigene Kosten so ein mobiles Gerät gegen lebensbedrohliche Herzrythmusstörungen zu spenden und in der Stadthalle aufzustellen.

Das hatten in der Zwischenzeit jedoch schon andere in die Wege geleitet. Bereits vier Stunden nach dem Vorfall in der Stadthalle bekam Bürgermeister Rupert Troppmann den Anruf eines Sanitäters: "Wir brauchen einen Defi." Auch die Neustädter Internistin Dr. Gudrun Graf erfuhr in ihrem Norwegenurlaub von dem Herzstillstand ihres guten Bekannten. "Da dachte ich schon, dass wir was machen müssen." Zurück vom Urlaub fing sie sofort an, Spenden zu sammeln. Als der Feuerwehrkommandant aus dem Krankenhaus kam, hatte sie mit Hilfe des Lyon's Club, Banken und ihrer Norwegengruppe schon einige hübsche Summe zusammen. Auch Reiner Konz gab nochmal etwas zur Anschaffung des 4300 Euro teuren Gerätes dazu. Die Stadt stellt den Standort in der Stadthalle und bezahlt die Stromkosten. Bald soll der mobile Lebensretter in der Stadthalle hängen.

Schon damals gewusst

Doch der Defibrillator ist seit Jahren ein Politikum. Seit dem Vorfall in der Stadthalle lassen die Freien Wähler keine Gelegenheit aus, um zu verkünden: "Wir haben es ja schon damals gewusst." Tatsächlich hatte der Stadtrat schon 2011 einen Antrag der FW- Fraktion bearbeitet, die die Aufstellung eines AED (automatischer externer Defibrillator) forderte. Dabei ist die Abteilung für Gesundheitswesen um eine Stellungnahme gebeten worden.

Dr. Thomas Holtmeier vom Gesundheitsamt hatte damals keinen zwingenden Bedarf gesehen und empfohlen, die Frage nach Bedarf und Zweckmäßigkeit mit dem örtlichen Rettungsdienst, namentlich Dr. Gudrun Graf, auch Notärztin beim BRK, abzuklären. In den Sitzungsunterlagen von 2011 heißt es weiter: "Frau Dr. Graf unterstützt die Aufstellung von AEDs nicht, da alleine die Standortwahl mehr als schwierig ist. Zudem ist die Benutzung des Gerätes nicht so einfach, wie oft dargestellt."

Mit 17:3 gegen den "Defi"

Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Achim Neupert hatte den Antrag abgelehnt und bestätigte: "Auch trauen sich in der Praxis die Normalbürger nicht, das Gerät zu bedienen." Bürgermeister Troppmann hatte argumentiert, dass Neustadt ein Notarztstandort sei und die Anfahrtszeit für Helfer von Weiden aus nur acht Minuten betrage. Außerdem sei bei größeren Veranstaltungen ein BRK-Team vor Ort.

Die Freien Wähler waren anderer Meinung. Die Anschaffung sei nicht notwendig, aber sinnvoll. Sie hatten gefordert: "In der Stadthalle soll deshalb ein Defibrillator angeschafft werden." Sie wurden damals mit 17:3 überstimmt. Das waren die "Wirren des Wahlkampfes", erinnert sich FW-Sprecher Gerhard Steiner. Seine Partei hatte nach dem Blocken des Stadthallenstandorts öffentlichkeitswirksam einen Defibrillator am Stadtplatz gefordert und ihn auf eigene Initiative am Alten Mesnerhaus aufgestellt. "In Neustadt muss erst einmal was passieren, bevor der Stadtrat reagiert. Das ist die größte Sauerei überhaupt", poltert Steiner heute.

Was hat sich vier Jahre später geändert, außer dass Konz umgekippt ist? Dr. Graf berichtet von einem bedeutenden Unterschied. Der Defibrillator, der 2011 verhandelt wurde, sollte keinen Zugang zur Integrierten Leitstelle haben. Mit dieser Ausstattung wäre die Bedienung jedoch viel einfacher. Eine Verbindung zum Rettungsdienst werde sofort aufgebaut und die Wiederbelebung angeleitet.

Keine Frage, kein Rat

Doch warum habe sie das damals nicht geraten? "Über dieses Thema bin ich nicht befragt worden und dann kann ich auch nichts raten." Ob damals diese Technik überhaupt schon zur Verfügung stand, könne sie sich auch nicht erinnern. Steiner widerspricht dieser Version. Natürlich hätten sie auch eine Verbindung zur ILS eingeplant. Der am Alten Mesnerhaus aufgestellte "Defi" hätte jedoch nicht diese Ausstattung. "Wir waren froh nach dem ganzen Gegenwind, dass wir überhaupt etwas aufstellen konnten."

Auch für Troppmann ist es nun eine andere Situation. Damals hätten die Freien Wähler gesagt: "Wir haben hier einen 'Defi'. Bitte, Stadt, kümmere dich darum." Das 2011 vorgeschlagene Gerät wäre seiner Meinung nach nicht sinnvoll gewesen. "Ich habe nichts gegen einen Defibrillator, aber er muss Sinn machen." Das neue Gerät sei mit der ILS verbunden und würde vom BRK betrieben und gewartet. Doch so richtig überzeugt scheint der Bürgermeister nicht von der mobilen Box zu sein. Es könne niemand garantieren, dass trotz "Defi" ein Unglück in der Stadthalle anders ausgegangen wäre. Auch müsse man das Glück oder Pech haben, im Umkreis von 100 Metern einen Herzstillstand zu haben, da das Gerät nicht weiter reiche. Er fragt: "Wer ist außerdem bereit, das Ding anzuwenden?"

Peter Lischker, Leiter des Rettungsdienstes des BRK in Weiden und Neustadt hat gute Erfahrungen mit den Geräten gemacht. Die sieben Säulen in Weiden seien schon mehrmals benutzt worden. Die Bedienung sei auch ohne ILS-Verbindung leicht. "Das kann jeder Laie."
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