Tafeln zieht es aufs Land

Rita Steiner (Dritte von links) und ihr Team geben donnerstags in Mantel Lebensmittelkörbe an Bedürftige aus. "Es wäre mir selber gar nicht eingefallen, aber es macht echt Spaß, zu helfen", sagt die zweite Bürgermeisterin. Bild: Popp

Zwei Tage, zwei Meldungen: Im Landkreis ist die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger 2014 nach oben geklettert. Und die Weidener Tafel gründet schon die nächste Filiale im Umland. Doch was dahinter steckt, ist weniger dramatisch als es klingt.

Das Jobcenter Weiden veröffentliche vergangene Woche Zahlen, dass es letztes Jahr zwischen Eslarn und Kirchenthumbach 1447 Bedarfsgemeinschaften gegeben hat - 53 mehr als 2013. "Ich glaube, das ist nur eine Momentaufnahme. Der Landkreis muss sich nicht generell auf mehr Arbeitslose einstellen", beruhigt Harry Pöll, stellvertretender Geschäftsführer des Jobcenters.

Über die Ursachen des Anstiegs kann er aber nur spekulieren: mehr Flüchtlinge, mehr Zuzüge von Langzeitarbeitslosen, mehr ausgelaufene befristete Arbeitsverhältnisse. Es sei noch zu früh, daraus einen Trend abzuleiten.


Mehr Frauen als Männer

Josef Gebhardt sieht die Lage weniger entspannt: "Wir sind längst an der Grenze unserer Fähigkeiten", sagt der Vorsitzende der Weidener Tafel. Er zählt am Stockerhutweg 850 Abholer von Lebensmittelkörben. Die Hälfte davon sind Alleinstehende, mehr Frauen als Männer. "Die Frauen trauen sich eher, zu uns zu kommen." Gebhardt freut sich, dass die Weidener Tafel seit 24. Februar einen Ableger in Vohenstrauß hat. "Bürgermeister Andreas Wutzlhofer ist da enorm hinterher. Er kommt selber nach Weiden und hilft, Körbe zu packen." Das zeigt, dass der Bedarf nach einer Ausgabestelle im Altlandkreis offenbar vorhanden war. Beim ersten Mal waren es 21 Körbe mit Grundnahrungsmitteln wie Gemüse, Wurst, Joghurt, Karotten oder Kartoffeln, Ende März bereits 64.

Wutzlhofer spricht von rund 200 Berechtigten im Altlandkreis. Er lebt das Tafel-Prinzip. "Es geht mir absolut gegen den Strich, dass Lebensmittel weggeworfen werden, die man noch bedenkenlos essen kann." Mit 20 Helfern fährt er dienstags nach Weiden, sortiert und transportiert das Essen zur Ausgabestelle in der Stadthalle Vohenstrauß.

"Den größten Block der Empfänger stellen die 40- bis 65-Jährigen", sagt Gebhardt. "Je mehr Ausgabestellen eröffnen, desto weniger haben die Leute Hemmungen, dorthin zu gehen", ist er dankbar für die Vohenstraußer Initiative. Denn häufig seien die Berechtigten nicht mobil und müssten bis zu 8,50 Euro für die Hin- und Rückfahrt mit dem Bus nach Weiden berappen.

Das Problem kennt Rita Steiner, die in Mantel die Aktion betreut. Dort gründete sich 2013 die erste Filiale des Weidener Hilfswerks. Aber nicht weil die Not in Mantel größer wäre als andernorts. "Engelbert Mayer, der zweite Vorsitzende der Weidener Tafel, ist Manteler und hat mich angesprochen."

Viel Scham

Bürgermeister Stephan Oetzinger war schnell überzeugt. Seine Stellvertreterin Steiner hat sich eine Liste geben lassen, wer in der Gemeinde Grundsicherung bekommt. "Ich habe dann zusammen mit Erhard Kleber die Leute abgefahren und gefragt, ob sie nicht Interesse hätten." Von 16 Personen hätten nur zwei abgelehnt. "Die schämen sich", weiß Steiner. Ein grundlegendes Problem im ländlichen Raum. Deshalb ist Steiner erleichtert, dass die Ausgabestelle in Mantel vom Feuerwehrhaus ins alte Schulhaus umgezogen ist. "Dort ist es anonymer. Gegenüber vom Feuerwehrhaus ist der Friedhof. Da haben sich immer einige hingestellt und geschaut, wer die Körbe abholt." Oft haben die Neugierigen aber umsonst gewartet. Unter den Berechtigten sind einige Witwen, die nicht gut zu Fuß sind. Denen fährt Steiner die Körbe vorbei. "Dann schimpfen sie in Weiden, weil das Prinzip auf Abholung beruht, aber ich mache es trotzdem." Neun Helfer packen in Mantel mit an. Ausgabe ist immer donnerstags. Auch Rothenstadt versorgen die Manteler mit.

Noch keine Antwort

Nun will die Tafel nach Theisseil expandieren. Auch hier grassiert nicht gerade die Armut. Edgar Kraus, gelernter Koch und Helfer in Weiden, stammt aus Letzau. Er hat Bürgermeisterin Marianne Rauh den Vorschlag gemacht. Er könnte doch Lebensmittel auf dem Heimweg mitnehmen. Rauh hat daraufhin über den Neuen Tag angekündigt, dass sich Bedürftige melden können. Das hat bisher noch keiner getan. Rauh kennt die Zwänge: "Ich werde Leute, die in Frage kommen, mal darauf anreden. Man kennt das von den Daga-Weihnachtspaketen. Da haben viele auch eine gewisse Scheu, das anzunehmen."

Effektiver als in Theisseil wäre laut Gebhardt eine andere Ausgabestelle. "Wir haben etliche Bezieher aus dem Raum Windischeschenbach. Das sind noch Langzeitarbeitslose aus der Zeit, als die Industrie dort weggebrochen ist."
Wer darf Lebensmittelkörbe beziehen?

Alle Empfänger von Hartz IV, Niedrigrentner, Aufstocker und Asylbewerber. Die Organisatoren der Tafel verlangen beim ersten Kontakt den Originalbescheid vom Sozialamt. Daraufhin stellen sie eine Abholkarte aus, die in der Regel ein halbes Jahr gültig ist und bei Rentnern ein Jahr.

• Wie funktioniert das Abholen?

Zu einem festen Termin haben die Ausgabestellen geöffnet. Das Abholsystem ist nach Farben und Nummern eingeteilt. Die Mitarbeiter achten darauf, dass mal der eine, mal der andere sich zuerst aus dem Lebensmittelvorrat seinen Korb packen darf. Der Erste kommt dafür beim nächsten Mal als Letzter dran. Ein Korb kostet in Weiden zwei Euro, in Mantel und Vohenstrauß wegen des Transports drei Euro.

• Woher kommen die Lebensmittel?

Aus sämtlichen Einkaufsmärkten in der Region. Fast immer sind Brot, Wurst und Gebäck dabei sowie verpackte Ware, bei der bald das Ablaufdatum erreicht ist. Die Weidener Tafel bezieht ferner Waren aus diversen Verteilzentren zwischen Nürnberg und Tschechien. Sie nimmt auch Spenden von Privatleuten an, etwa Kartoffeln oder Obst. Es sollte jedoch keine angepackte Ware sein. Näheres unter Telefon 0961/4707161.
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