"Wir sind alle gleich"

Fabio Schwanecke (rechts) hilft jungen Flüchtlingen, die im Neustädter Asylbewerberheim (Hintergrund) untergebracht sind. Mamadou Balde aus Guinea-Bissau ist einer davon. Bild: Steinbacher

Fabio Schwanecke hilft Kriegsflüchtlingen und Ex-Häftlingen. Er wird teils mit heftigen Geschichten konfrontiert. Um abzuschalten, muss der 21-Jährige von Zeit zu Zeit diesen harten Boden der Tatsachen verlassen und abheben.

Es ist nicht immer einfach, die richtige Balance zwischen seinem Engagement und der Freizeit zu finden. Nach Feierabend einen Schlussstrich zu ziehen, funktioniere nicht immer hundertprozentig. Der Weidener gesteht, dass er sich nach Feierabend schon öfter ausgelaugt fühlt. Richtig abschalten kann Schwanecke schließlich, wenn er in ein Ultraleichtflugzeug einsteigt und fliegt. Der 21-jährige hat vor einem Jahr den Flugschein erworben.

Von Natur aus hat Schwanecke eine soziale Ader. Seit Oktober arbeitet er ehrenamtlich für den Allgemeinen Sozial- und Schuldnerberatungsverein (AS) in Neustadt. Er betreut junge Asylbewerber. Der Großteil spricht nur gebrochen Deutsch. Deshalb ist Schwanecke dabei, wenn es die kleinen Probleme des Alltags zu bewältigen gilt, wie Arztbesuche oder Behördengänge.

Von Clans verfolgt

Er hört mitunter grausige Geschichten. Etwa die eines 18-jährigen Senegalesen. In seinem Heimatland wurden seine Eltern getötet, während er im Haus war und schlief. Der Afrikaner hat seitdem Angst. Er schläft nicht, ohne vorher alle Türen abzuschließen. Dabei handelt es sich um einen Extremfall, wie Schwanecke erklärt: "Die meisten sind nicht übermäßig traumatisiert." Dennoch gebe es gewichtige Gründe, weshalb die aktuell 17 Asylbewerber, die in zwei vom AS betreuten Heimen untergebracht sind, nach Deutschland gekommen sind, erklärt der 21-Jährige. Sie kommen aus Kriegs- und Krisenregionen - Aserbaidschan, Somalia oder Äthiopien. Einige seien von Clans verfolgt worden, viele dem Bürgerkrieg oder ärmlichen Verhältnissen entflohen. In der Regel haben sie Familie und Freunde zurückgelassen. Handy und Internet sind darum für die Jugendlichen unabdingbar, weil sie den Kontakt in ihre Heimat halten wollen. "Zudem gehen die Asylverfahren auf die Psyche", da sie sich in der Regel zwei bis drei Jahren hinziehen.

Schwanecke kann vor diesem Hintergrund die vorherrschende Ausländerfeindlichkeit nicht verstehen. Ein brennendes Asylbewerberheim in Tröglitz, Politiker, die aufgrund von Morddrohungen zurücktreten, Idioten, die im Vorfeld einer Gedenkfeier in Flossenbürg rechtsradikale Parolen auf Verkehrsschilder und einen Sichtschutz schmieren, ärgern Schwanecke. Die Diskussion über das Thema kürzt er mit vier Worten ab: "Wir sind alle gleich." Der 21-Jährige lebt Toleranz vor. Und er stellt bei den Neustädtern eine "hohe Akzeptanz" gegenüber den Asylbewerbern fest.

Eine Aktion sorgte bei Schwanecke sogar für Gänsehaut. Als die Flüchtlinge den Faschingszug vom Fenster aus verfolgten, flogen Bonbons und Gummibärchen in die Zimmer. Es waren gezielte Würfe. Schwanecke sagt: "Die Leute haben gezeigt: Ihr gehört zu uns, ihr feiert mit uns." Einige Jungs spielen auch Fußball beim ASV Neustadt. Die Flüchlinge seien mit offenen Armen empfangen worden, "trotz bürokratischem Wirrwarr". Nicht nur den Asylbewerbern nimmt sich der 21-Jährige an. Auch in das Wohnprojekt für entlassene Strafgefangene des AS investiert er wöchentlich rund sechs Stunden. Jugendlichen zwischen 18 und 22 Jahren, die vorwiegend wegen Körperverletzung ins Gefängnis mussten, hilft er. Egal ob bei der Jobsuche oder wenn es um Suchtberatung geht.

Ziel Bewährungshelfer

Es ist wertvolle Berufserfahrung, die er im Moment sammelt. Denn der Weidener hat ein klares Ziel vor Augen. Er möchte Bewährungshelfer werden. Im Oktober endet sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und er beginnt in Nürnberg Soziale Arbeit zu studieren.
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