Zahl der Organspender sinkt - Gesundheitsamt, Kliniken AG und Krankenkassen wollen den Trend ...
Öfter mal das Herz verschenken

Als prominenten Werbeträger hat Gesundheitsamtschef Dr. Thomas Holtmeier (rechts) seinen Vorgesetzten gewonnen. Landrat Andreas Meier ist überzeugter Besitzer eines Organspenderausweises. Bild: Steinbacher
Der Skandal erschütterte Göttingen, München und Leipzig. Schließlich landete er vor der Haustür in Regensburg. Überall dort sollen Ärzte Krankenakten manipuliert haben, um bestimmten Patienten zulasten von anderen ein Spenderorgan zu verschaffen. Das war 2012. "Seitdem kommen immer weniger Leute, um sich bei uns einen Organspenderausweis laminieren zu lassen", klagt Dr. Thomas Holtmeier, der Leiter des Gesundheitsamts.

Der Trend ist bundesweit spürbar. Zum Stichtag 1. Januar waren 10 585 Menschen auf eine neue Niere, Bauchspeicheldrüse oder ein Herz angewiesen. "Es kann jeden treffen", sagt Holtmeier. Genaue Zahlen über Besitzer von Organspenderausweisen für den Bereich Weiden und Neustadt hat er nicht. Sie werden nicht registriert.

Bayern Schlusslicht

Auch die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) hat nur Daten für Bayern. Die sind besorgniserregend. Demnach sank die Zahl der Organspenden 2014 im Freistaat um 35,1 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt 2005 bis 2013. In keinem anderen Bundesland fiel die Quote so dramatisch.

Franz Nowy arbeitet dagegen an, ohne dass in den Medien bereits von einem Skandal die Rede war. Der 55-Jährige kam 1990 an die Dialyse und hat bereits die zweite Spenderniere im Körper. Die erste wurde abgestoßen. "Es geht mir sehr gut", versichert der Neustädter, der sich im Verein "Niere e.V. Weiden und Umgebung" engagiert.

Sein Vorwurf: "Es gibt schon genügend potenzielle Spender, aber das Potenzial wird nicht genutzt." Das liege weniger an der Politik, sondern eher an der Ärzteschaft. "Ich wäre dafür, dass in jedem Klinikum wie in Weiden ein Transplantationsarzt installiert wird." Der würde prinzipiell mit Angehörigen und dem Betroffenen über das Thema reden. "Denn was nutzt allein der Organspenderausweis, wenn jemand todkrank auf der Intensivstation liegt und hat den Ausweis nicht dabei?"

Schärfere Regeln

Holtmeier und Nowy kennen die Zweifel in der Bevölkerung: Setzen sich die Ärzte für das Leben eines Patienten mit Spenderausweis wirklich intensiv genug ein, wenn sie auf die Organe des Kranken spekulieren? Ist man als Patient wirklich tot, bevor Lunge oder Leber entnommen werden?

Nowy hält manche Vorurteile fast für schizophren. "Wir Deutsche lehnen in der Patientenverfügung lebensverlängernde Maßnahmen ab, aber wenn eine Organspende im Raum steht, haben wir plötzlich Angst, dass man wirklich tot ist." Um solche Bedenken klein zu halten, hat der Gesetzgeber die Vorschriften drastisch verschärft, seitdem Ärzte Wartelisten für Organempfänger gefälscht haben.

Es gilt das Sechs-Augen-Prinzip. Das heißt, dass mindestens drei Ärzte (zwei im behandelnden Krankenhaus, einer aus dem Transplantationszentrum) den Hirntod des Patienten bestätigen müssen.

Transplantationszentren werden flächendeckend externen Kontrollen unterzogen. Eine Überwachungskommission veröffentlicht die Ergebnisse.

Haben Mitarbeiter in Kliniken oder Transplantationszentren den Verdacht, dass es in ihren Häusern nicht mit rechten Dingen zugeht, können sie sich auch anonym an die "Vertrauensstelle Transplantationsmedizin" wenden. Sie geht den Informationen in jedem Einzelfall nach.

Eine Gesetzesänderung macht Wartelistenmanipulationen eindeutig zu einem Fall für das Strafrecht. Betrüger müssen mehr denn je mit Haft rechnen.

Zahlreiche Aktionen

Vor Ort werben das Gesundheitsamt, die Kliniken Nordoberpfalz AG und die AOK gemeinsam für die Organspende. Dazu gehören Veranstaltungen in der Regionalbibliothek Weiden, Vorträge oder ein Infostand beim Rotkreuzfest in Vohenstrauß. Franz Nowy hält als Betroffener seit über zehn Jahren Doppelstunden an Schulen. Er fesselt seine jungen Zuhörer vor allem emotional. "Jeder muss nachdenken, wenn ich erzähle, dass ich jahrelang keinen Tropfen pinkeln konnte."
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