Zum Torjubel ein Glas Wasser

Helmut

"Ich will nicht trinken!" Thomas, der seit zwei Jahren einmal wöchentlich die Selbsthilfegruppe "Freundeskreis" aufsucht, hat sein Motto bewusst gewählt.

"Wenn man sagt, ich darf nicht trinken, würde das eine Trotzreaktion auslösen", weiß der 48-jährige trockene Alkoholiker aus eigener Erfahrung. Die Ursachen für seine Suchtkrankheit führt er bis in seine frühen Kindheitsjahre zurück. "Wenn ein Kind krank war, gab es warmes Bier mit Zucker." Damals habe es einfach noch kein Bewusstsein gegeben, dass das Schaden hervorrufen könne.

Auch der Vater hatte Alkoholprobleme, in der Schule sei Alkohol nie ein Thema gewesen. "Wir haben mal über harte Drogen gesprochen, aber keiner hat gewusst, dass Alkohol abhängig macht, dass das eine Krankheit ist."

Bier und Lehre

Während der Lehre als Stahl- und Betonbauer gewöhnt sich der 14-Jährige schnell ans Bier. "Abends ist man mal hier auf einem Fest, da in einer Disco." Überall wird getrunken. Schon im Alter von 18 Jahren hat er gemerkt, dass etwas nicht stimmt.

Unwohlsein und Zittern stellen sich ein. Beim Arzt erfährt der stattliche Mann, der inzwischen mehrere Therapien hinter sich hat, von der Alkoholkrankheit. Bis er die Sucht auch innerlich akzeptiert, dauert es Jahre.

Die erste Entgiftung macht er als 28-Jähriger nicht freiwillig. Die Firma schickt ihn. Andernfalls droht die Kündigung. "Ich wollte es nicht so recht glauben." Die fehlende Einsicht macht den Erfolg schnell zunichte. "Die Therapie war erfolgreich. Das müssen wir begießen. Gemma erstmal eins trinken", denkt sich Thomas im Glauben daran, dass nun wieder alles in Ordnung sei.

Operation misslungen

Auch bei Helmut aus Altenstadt, einem Gründungsmitglied der Selbsthilfegruppe, begannen die Probleme während der Ausbildungszeit. Seit einer Blinddarmoperation in seiner Kindheit, bei der die Bauchspeicheldrüse verletzt wurde, leidet der 51-jährige an Typ-1-Diabetes.

"Während meiner Metzgerlehre hatte ich wirklich viel Durst, wahrscheinlich vom Zucker", erinnert sich der hagere, braungebrannte Frührentner. Statt mit Wasser habe er diesen Durst mit Bier gelöscht. Auch in seiner Kindheit seien die Gefahren des Gerstensaftes verharmlost worden. "Trink a Bier, dass du groß und stark wirst", habe er immer wieder gehört.

Anfangs war es im Laufe des Tages, als er merkte, dass er ein Bier braucht, um ruhig zu werden, um in Stimmung zu kommen. Dann kam dieses Bedürfnis bereits am Morgen.

Zu der Selbsthilfegruppe, die sich seit zehn Jahren jeden Freitag in Wöllershof trifft, kommen im Schnitt 20 Teilnehmer. Die überwiegende Mehrheit sind ehemalige Patienten aus der Bezirksklinik. Sie kommen aus dem Raum Neustadt. Einer fährt aus Amberg zu den Zusammenkünften.

"Jeder ist willkommen", betont Thomas. Hauptsächlich sind es Alkoholsüchtige, vereinzelt geht es auch um andere Abhängigkeiten. Für Familienangehörige von Betroffenen ist die Gruppe dagegen nicht gedacht. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nach der stationären Therapie ziemlich schwer wird, wenn man nicht weiter macht."

Unter der Käseglocke

Während der im Schnitt 16 Wochen dauernden Langzeittherapie fühle man sich wie unter einer Käseglocke, erinnert sich der Weidener. "Man kommt gar nicht in Versuchung." Wenn man danach wieder in die Arbeit geht, mit Leuten am Tisch sitzt, die Alkohol trinken, dann wird es wieder schwer. "Die Gruppe stützt mich einfach. Wenn man schwach wird, kann man einen aus der Gruppe anrufen."

Oft reichten schon fünf Minuten Telefongespräch, und die Situation wird leichter. "Das A und O des Freundeskreises ist, dass man die schlechten Erfahrungen nicht vergisst", ergänzt Helmut.

Ein Rausch könne ja mal ganz schön sein. Leider habe der Mensch die Angewohnheit, schlechte Erfahrungen zu vergessen und die guten lange in Erinnerung zu behalten. "Immer, wenn ein Neuer in die Gruppe kommt, werden die Erinnerungen wieder wach. Dann weiß ich: Das möchte ich nicht mehr haben."

Vor der letzten Langzeittherapie im Frühjahr 2012 war Thomas bereits sieben Jahre trocken. Davor war er auch ganz weit unten. Die erste Ehe mit zwei Kindern ging zu Bruch. Scheidung und Unterhaltszahlungen belasteten das Portemonnaie. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes kamen die Schulden.

"Armer Bou!"

"Irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Immer wenn man irgendwo ein bisschen was verdient, wird es einem sofort wieder genommen." Thomas resignierte. Ein Problem seien die "Co-Alkoholiker". Personen, die ihn bemitleideten nach dem Motto: "Armer Bou! Dir geht's nicht gut. Kriegst a Geld." Irgendwann sei aber der Punkt erreicht, wo einen keiner mehr hält. "Ich war schon so weit, dass ich keine Nahrung mehr zu mir nehmen konnte. Nur noch Bier."

Der Arzt hatte Thomas gewarnt: "Du machst es nicht mehr lang." Dann lernte er seine jetzige Freundin kennen und gründete eine neue Familie mit zwei Kindern.

Sieben Jahre hatte Thomas keinen Tropfen Alkohol angerührt. Auf einem Fest habe er dann gedacht. "Ein Bier, das kann doch kein Problem sein." Auf das erste folgten ein zweites und ein drittes. Am nächsten Morgen kam das schlechte Gewissen.

Fünf Wochen danach war er wieder trocken. Dann kam die fatale Überlegung: "Das klappt doch wunderbar." Er trank gezielt, um sich zu beweisen, dass er die Sucht kontrollieren kann. Die Alkoholpausen wurden schnell kürzer.

Mittlerweile ist er als Selbstständiger im Baugewerbe tätig. Gerade noch rechtzeitig merkte er, dass sein neues Familienglück wieder in Gefahr geriet. "Thomas, du musst was machen", sagte er zu sich selbst. Dass er nach Entgiftung und Therapie bei seinem Nein zum Alkohol bleibt, dazu hilft ihm auch die Selbsthilfegruppe.
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