Bauernpräsident Joachim Rukwied beim Kreisbauerntag
Bürokratie raus aus dem Stall

"In Brüssel und Berlin reden Sie oft gegen eine Mauer", klagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. In der Stadthalle Neustadt hatte er dagegen ein Heimspiel. Beim Kreisbauerntag stießen seine Forderungen nach mehr Pragmatismus in der Agrarpolitik auf offene Ohren. Bild: Schönberger

Joachim Rukwied kennt sie alle: EU-Kommissar Phil Hogan, Umweltministerin Barbara Hendricks, die Kanzlerin, den Finanzminister und viele einflussreiche Beamte. Deutschlands Bauernpräsident kann also was bewegen. Aber manchmal ist es mit denen da oben schon zum Verzweifeln, stöhnt er beim Kreisbauerntag.

In der Neustädter Stadthalle sprach der 55-jährige Schwabe vor rund 200 Berufskollegen aus den BBV-Kreisverbänden Neustadt/Weiden und Tirschenreuth. Seine fast eineinhalbstündige Rede klang anfangs etwas nährstoffarm.

Gefühlte 20 Mal drosch er die Parole "Landwirtschaft hat Zukunft" durch den Saal. Dann aber reicherte er jede These mit Argumenten an, die an den Tischen immer wieder auf Beifall stießen. Etwa wenn er von seinem Abwehrkampf gegen strengeren Pflanzenschutz in Brüssel berichtete: "Jetzt wollen sie die Azole vom Markt nehmen. Da frage ich mich schon, warum sie in der Humanmedizin weiter erlaubt bleiben und im menschlichen Intimbereich eingesetzt werden." Ja, auf die Eurokraten muss man aufpassen, erläuterte Rukwied am Beispiel Greening. "Erst wollten sie 15 Prozent ökologische Vorrangflächen in Europa, jetzt 7,5 Prozent, aber 5 Prozent reichen aus", gab er die rote Linie der deutschen Landwirte vor. Die würden in Brüssel nicht immer mehr fair behandelt. So müsse Deutschland seinen Düngemitteleinsatz um 29 Prozent zurückfahren, Österreich aber nur um ein Prozent. "Wo ist das gerecht?"

Gerade die Düngevorschriften seien ein unendliches Kapitel, seufzte Rukwied in Richtung von Karl Bäumler. Der stellvertretende Neustädter BBV-Kreisobmann hatte gefragt, warum er Gülle zum Verrotten von Pflanzen nur sehr begrenzte Zeit ausbringen darf. "Da reden Sie gegen eine Mauer, die wollen weitere Sperrzeiten", grollte er Brüssel und Berlin. Rukwied empfahl, vor Ort wissenschaftlich begleitete Versuche zu unternehmen. Wenn die Ergebnisse passen, könne das Kreise ziehen und vielleicht von unten nach oben etwas bewirken. Dort oben sollten sie auch aufhören, Bauern mit Sanktionen zu gängeln, wenn sie mal versäumen, eine Woche vorher beim Amt anzumelden, wann sie dreschen, Milch abliefern oder ihren Teich abfischen. "Wenn jemand gerade 16 Stunden am Tag mit der Ernte beschäftigt ist, darf er nicht bestraft werden, wenn er erst zwei Tage später nachmeldet."

Allen Kritikern empfahl der Weinbauer, mal genauer hinzuschauen. "Wenn die Kirchen heute Agrarexporte an den Pranger stellen, müssen sie mal fragen, wie Schweinebauern über die Runden kommen sollen, wenn in China die Nachfrage einbricht." Und wer mehr Tierwohl verlange, müsse auch bereit sein, dafür an der Ladentheke zu bezahlen.

Das alles könnte man noch viel besser via Social Media unter die Verbraucher bringen, kritisierte Jungbauer Max Sternkopf. Bei der Öffentlichkeitsarbeit hinke der Bauernverband hinterher. Auf Facebook habe der Verband immerhin 35 000 Follower, konterte Rukwied. Und landete gleich wieder beim Geld. So habe der Verband schon überlegt, das Image der Landwirte mit Fernsehspots zur besten Sendezeit aufzupeppen. Das hätte 10 bis 12 Millionen Euro gekostet. "Aber wenn Sie in den Kreisverbänden vorschlagen, dass dafür jeder nur einen Euro mehr Beitrag zahlen soll, kriegen Sie keine Zustimmung."

Sexy Beruf


Die Jungbauern trommelten derweil auf ihre Art für ihr Berufsbild. Auf Flyern warben sie für Kalender mit leicht bekleideten Kolleginnen und Kollegen. Die Ausgaben "Bayern Girls" und "Men Edition" kosten 26 Euro und sollen zeigen, dass Landwirtschaft nicht nur Zukunft hat, sondern auch Sexappeal. Doch mit der Erotik ist das so eine Sache, klagte Tirschenreuths Kreisobmann Ely Eibisch: "Es kann nicht sein, dass ,Bauer sucht Frau' unser Bild in der Öffentlichkeit bestimmt." (Seite 7)

Stromkabel neben die AutobahnKein politischer Termin ohne das Thema Stromtrasse. Landrat Andreas Meier versprach den Bauern, bei der Autobahndirektion nochmal auf den Tisch zu klopfen. "Wir werden eine Aussage, dass eine Bündelung der Kabel entlang von A 93 und A 9 nicht in Frage kommt, nicht akzeptieren." Dies begründe die Direktion damit, dass die Fahrbahnen vielleicht mal um die eine oder andere Fahrspur erweitert werden könnten. "Wer sich den Bundesverkehrswegeplan anschaut, weiß, dass das eher unrealistisch ist", sagt Meier. Er sprach sich außerdem dagegen aus, Landwirten Ausgleichsflächen für eine unterirdisch verlegte Stromtrassen abzuzverlangen. (phs)


Nirgendwo wird so kritisch über die Landwirtschaft diskutiert wie im deutschsprachigen Raum.Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.