Dem Hochwasser keine Chance
Schutz vor vergessener Gefahr

Obwohl Hochwasser im kollektiven Gedächtnis der Kreisstadt derzeit keine Rolle spielt, drohen bei Überschwemmungen von Waldnaab und Floß nicht nur zwischen Freyung und Waldnaabbrücke große Schäden. Bürgermeister Rupert Troppmann möchte vorsorgen und will ein Schutzkonzept auf den Weg bringen. Grafik: NT/AZ

Das Zentrum Neustadts liegt am Berg. Doch knapp 100 Wohnhäuser sowie 27 Betriebe und Büros einschließlich der Verwaltungsgemeinschaft sind von Hochwasser bedroht.

An die letzte verheerende Überschwemmung in der Stadt kann sich niemand mehr erinnern. Die war 1909. Doch sollte es jetzt zu so einem Unglück kommen, befürchten die Experten vom Wasserwirtschaftsamt Weiden Schäden in Höhe von über 10 Millionen Euro. Die Stadt überlegt nun, zusammen mit der Behörde vorzusorgen. Eine Entscheidung fällt in der nächsten Sitzung des Stadtrats.

Bürgermeister Rupert Troppmann ist die Jahrhundertaufgabe ein Herzensanliegen. "Mein Vorschlag ist es, in diese Planung einzusteigen." Von günstigen Voraussetzungen spricht der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, Matthias Rosenmüller. 3,4 Milliarden Euro hat der Freistaat für die Hochwasserschutzstrategie im ganzen Land bereitgestellt und den Eigenanteil an den Kosten von 50 auf 35 Prozent gesenkt.

In fünf Jahre abgeschlossen


Für die Kreisstadt hat die Behörde zwei grobe Kostenschätzungen erstellt. Sie gehen von Gesamtkosten in Höhe von 3 oder 4 Millionen Euro aus. Für die zunächst anstehende Planung müsste die Stadt 100 000, beziehungsweise 130 000 Euro übernehmen. Die Realisierung kostet sie bis 2021 nach der Grobrechnung 735 000 bis 1,085 Millionen Euro. Dazu kommen für die nächsten 100 Jahre Unterhaltsleistungen im Wert von etwas über 300 000 Euro.

"Ich sitze hin und wieder beim 'Brucksaler' und möchte da keinen Deich sehen", bekennt der Fachbereichsleiter Wasserbau des Wasserwirtschaftsamtes, Andreas Ettl, im Stadtrat. Ideal sei der Hochwasserschutz, den man nicht sehe, unterstützt ihn Behördenleiter Rosenmüller. Das könne beispielsweise ein Weg auf einem Deich sein. "Für die Leute ist das dann ein Weg und kein Deich."

Es wird auch Mauern geben wie jetzt schon an der Tankstelle. Die müsse erhöht und flussaufwärts bis etwa zum Beginn des Schmidranken entlang der Waldnaab fortgeführt werden. An der Floß gelte es, die Ufermauern instandzusetzen. "Wir werden viel mit einer festen Mauer arbeiten", kündigt Ettl an.

"Hier am Oberlauf haben wir nur kurze Vorwarnzeiten." Extreme Regenfälle lassen das Wasser binnen weniger Stunden ansteigen In zwei bis drei Stunden kann die Katastrophe da sein. Feuerwehr und andere Helfer haben - anders als am Unterlauf - wenig Zeit, mobile Hochwasserschutzelemente aufzustellen. "Bei Durchfahrten ist so etwas eventuell denkbar."

Sicherheit lebenslang


Die erwartbaren Wassermengen sind nach Aussage der Experten mittlerweile sehr zuverlässig geworden. Sie speisen sich aus den Auswertungen der Pegel- und Wetteraufzeichnungen der vergangenen 150 Jahre. Das sogenannte 100-jährige Hochwasser sei ein Kompromiss. "Bei angepassten Schutzmaßnahmen sollte diese Generation ihre Ruhe haben", urteilt Rosenmüller.

"Teilschutz bringt nichts", erteilen die Wasserwirtschaftler der von Alois Zehrer ins Spiel gebrachten Aufteilung der Maßnahmen für Floß und Naab eine Abfuhr. Rosenmüller: "Beides ist nötig, sonst staut der eine Fluss das andere Wasser auf."

"Früher haben die Menschen mit Hochwasser gelebt. Jetzt macht das Wasser den PC und die Heizung kaputt" Bei der groben Schadensschätzung habe man in ganz Bayern 50 000 Euro für jedes Haus angesetzt. "Das ist relativ wenig." Experten und Stadtrat sind sich einig, die Anwohner in die Planungen einzubeziehen. Schließlich geht es um deren Schutz.

Angemerkt von Uwe Ibl

Sofort statt zu spät im Boot


"Das musst ja irgendwann einmal passieren. Warum hat keiner etwas gemacht?" Allzuoft hört man solche Sätze nach Katastrophen, die jeder Laienpolitiker natürlich vorhergesehen hätte. Die Neustädter Stadtväter haben jetzt die Möglichkeit, den umgekehrten Weg zu gehen. Sie können rechtzeitig etwas tun, obwohl glücklicherweise seit über 100 Jahren nichts passiert ist. Die Gelegenheit ist günstig, den Hochwasserschutz zu optimieren. Der Freistaat hat sein Engagement aufgestockt. Und alle Beteiligten versprechen, die Anwohner schon bei den Planungen mit ins Boot zu nehmen. Das ist gut so, damit die bei einem kommenden Hochwasser nicht in den Rettungskahn der Feuerwehr einsteigen müssen.
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