„Depp“ noch harmlos - Nach Landrat Meiers Facebook-Attacke
Politikerkollegen über Angriffe, Beleidigungen und Konter

"Einer hat mal im Wirtshaus Arschloch zu mir gesagt. Der musste dann ein Hartz-IV-Monatsgehalt dafür abdrücken." Zitat: Werner Windisch, Ex-Bürgermeister von Weiherhammer

Ein Politiker muss einstecken können. Doch ab wann darf er zurückschlagen? Und wie? Landrat Andreas Meier hat es einfach mal getan und einem Widersacher Haindlings "Du Depp" via Facebook um die Ohren gehauen. Das halten etliche Beobachter für überzogen. Wer sich umhört, bekommt jedoch mit, dass Bürgermeister und Abgeordnete immer wieder in Situationen kommen, wo der Anstand so verletzt ist, dass sie innerlich laut "Du Depp" anstimmen.

Sylvia Wallinger kennt das Spiel als Tochter des ehemaligen Etzenrichter Bürgermeisters Ludwig Meier. Später war sie mit Martin Wallinger, einem seiner Nachfolger, verheiratet. "Ich hätte nicht so reagiert wie der Landrat", sagt sie offen. "Aber er gehört halt zur jungen Generation, die schnell zum Handy greift und was reinstellt. Dann kommt halt auch schnell Kritik zurück." Freilich weiß sie, dass selbst beim Politiker mit dem dicksten Fell mal eine Grenze überschritten ist. "Bei unserem CSU-Oktoberfest in Etzenricht kamen auf meinen Mann Leute zu, die sich damit gebrüstet haben, dass der Bürgermeister ihr bester Freund sei. Je mehr sie getrunken hatten, desto mehr haben sie ihn dann mit allen möglichen Ausdrücken beleidigt."

Diese Spezies hat Mantels CSU-Bürgermeister Stephan Oetzinger dicke. "Ich habe mir angewöhnt, dass ich auf Terminen um 23 Uhr weg bin. Da fallen gerade auf Festen die letzten Hemmschwellen." Landrat Meiers Posting kann er "voll und ganz nachvollziehen". Doch Oetzinger gibt zu, dass Facebook schon dazu verleitet, vielleicht mal etwas schneller zu kommentieren, als es einem lieb ist. "Ich versuche deshalb, auf aktuelle Ereignisse nicht gleich online zu reagieren."

SPD-Landtagsabgeordnete Annette Karl ärgert, dass elektronische Medien bei einigen offenbar automatisch Distanzlosigkeit bedeutet. "Die sind dann stockbeleidigt, wenn sie um 23 Uhr eine Mail abschicken und um 23.30 Uhr noch keine Antwort haben." Auch sie habe sich anonym via Facebook schon Ausdrücke anhören müssen, die weit jenseits des zivilisierten Umgangs liegen. "Trotzdem hätte ich die Worte des Landrats nicht so gewählt."

Werner Windisch, der frühere Weiherhammerer Bürgermeister, hat einst juristisch gekontert. "Im Wirtshaus hat mich mal einer vor anderen als Arschloch bezeichnet. Ich habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich zu entschuldigen. Das hat er nicht getan. Dafür musste er dann ein Monatsgehalt Hartz IV abdrücken. Hätte er mich privat beleidigt, hätte ich vielleicht nichts gemacht, aber in der Öffentlichkeit lasse ich mir das nicht bieten." Meiers Haindling-Song hält der ehemalige SPD-Bezirksrat für "nicht dramatisch".

Im Hause des Vohenstraußer Bürgermeisters stieß das Lied sogar auf Applaus. "Meine Frau hat es gelesen und beim Frühstück gleich gesagt: Endlich traut sich mal einer", sagt Andreas Wutzlhofer. Momente, in denen er sich als jedermanns Depp fühlte, hat er bereits ausgekostet: "Zum Beispiel beim Winterdienst. Wir teilen jedes Mal mit, dass er um 4 Uhr ausrückt und zuerst die Hauptstraßen macht. Dann rufen bei mir um 5 Uhr Leute an und lassen Dampf ab, dass bei ihnen in der Wohnstraße noch nicht geräumt ist. Ich sage dann, dass ich in meiner Straße auch selber schaufeln muss."

Sylvia Wallinger hatte Haindlings Klassiker mal an einem Sonntagabend im Ohr. "Da rief ein Bürger meinen Mann an und sagte, dass seine Schwiegertochter gerade am Münchner Flughafen steht, in die Türkei fliegen will, aber mit ihrem Pass etwas nicht in Ordnung ist. Mein Mann hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und mit der Bundespolizei gesprochen. Am Ende stellte sich heraus, dass im Pass der Frau eine Ecke abgeknickt war und sie dieses Eck einfach mit der Schere abgezwickt hatte. Der Pass war so natürlich ungültig."

Doch der Herr Bürgermeister wird's schon richten: Windisch berichtet von Herrschaften, die eine Stunde vor der Gemeinderatssitzung zum Telefon greifen und meinen, das sei noch rechtzeitig, um mündlich einen Bauantrag einzureichen.

Die Waidhauser Rathauschefin Margit Kirzinger ist seit 1990 in der Politik, sagt aber, dass ihr grenzwertige Erfahrungen bisher erspart blieben. "Möglicherweise sind die Leute bei einer Frau auch moderater im Ton." Die Sozialdemokratin verteidigt Andreas Meier: "Das macht man im ersten Ärger, er ist auch nur ein Mensch." Die stellvertretende Landrätin versichert, dass Schmäh-Plakate wie in Neustadt noch harmlos sind: "Unserem Altbürgermeister Gustl Reichenberger hat mal jemand ins Gesicht gespuckt."

Das musste Georg Stahl noch nicht mitmachen. Als er 1990 Pirker Bürgermeister war, taten sich aber Wunden auf, die Narben hinterließen: "Damals war das Wasser knapp, weil Schirmitz wuchs und immer mehr Wasser gebraucht hat. Das fehlte bei uns im Hochbehälter. Obwohl ich nächtelang dort nach dem Pegel geschaut hab und wir sofort eine Druckerhöhungsleitung vom Feuerwehrhaus gelegt haben, wurde ich wüst beschimpft. Das habe ich nicht vergessen." Man müsse sich dann schon kräftig zusammenreißen, räumt Stahl ein. "Trotzdem kann ich den Landrat verstehen."

Einer hat mal im Wirtshaus Arschloch zu mir gesagt. Der musste dann ein Hartz-IV-Monatsgehalt dafür abdrücken.Werner Windisch, Ex-Bürgermeister von Weiherhammer

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