Flüchtlinge erzählen über ihre Heimat in der Turnhalle des Gymnasiums Neustadt
Endlich ohne Angst leben

Foto? "Kein Problem", sagen der Syrer Imad Sakkal (links), Muhamad Aldolaimy (Dritter von rechts) aus dem Irak und der Palästinenser Machmoud Alchikhtaka (Dritter von links). Die Männer vom Sicherheitsdienst um Marcus Fritsch (rechts) mussten mit aufs Foto vor der Halle. "Ihr seid wie Brüder zu uns", lautet die einhellige Meinung der Flüchtlinge. Dolmetscher Lars (Zweiter von rechts) übersetzte. Bild: mic

Drei Männer, drei Schicksale: Seit 29. Juli steht das Bett, in dem sie schlafen, in der Turnhalle des Gymnasiums Neustadt. Doch so unterschiedlich ihre Geschichten - in einem sind die Flüchtlinge sich einig: "Wir sind jetzt in Freiheit."

Machmoud Alchikhtaka (45) leitete in Syrien ein Restaurant in einem großen Camp für Flüchtlinge aus Palästina. Muhamad Aldolaimy (38) arbeitete in dem von Amerikanern geführten Fünf-Sterne-Hotel "Babylon" in Bagdad als Türsteher. Imad Sakkal (43) war Marktleiter eines syrischen Stromanbieters. Vor dem Bürgerkrieg hatten auch sie in ihrer Heimat ein geordnetes Leben, eine Familie und Freunde.

Kein Problem mit den Temperaturen

Die Männer aus Syrien und dem Irak sitzen an einem Biertisch im Schatten vor der Halle. 34 Grad zeigt das Thermometer an. "Sie kommen mit den Temperaturen fast besser zurecht als wir", sagt Jürgen Schneeberger, Leiter der Abteilung für öffentliche Sicherheit und Ordnung am Landratsamt, und zurzeit Chef in der Halle. Auch Lisa Dippl, die Nachfolgerin, ist dabei. Vor kurzem hat sie ihre Ausbildung im gehobenen Dienst abgeschlossen. Für den Besuch des Landrats haben sich die Flüchtlinge schick gemacht - soweit das mit dem, was sie an Kleidung zur Auswahl hatten, möglich war. Andreas Meier musste das Gespräch kurzfristig absagen. Der Absturz des Kampfflugzeugs im westlichen Landkreis hält ihn im Amtszimmer. Zu diesem Zeitpunkt ging man noch von einer Katastrophe aus, die dann glücklicherweise doch nicht eintrat.

Dolmetscher übersetzt

Der marokkanische Dolmetscher, der Lars genannt werden will, ist seit 2001 mit einer Deutschen verheiratet. Er übersetzt, als die Männer von Krieg, Gewalt, Folter und Bombenangriffen der Terrormiliz Islamischer Staat erzählen. Machmoud Alchikhtaka zeigt ein Bild seiner beiden kleinen Kinder, die zusammen mit seiner Frau noch in der Türkei sind. "Es geht ihnen gut", meint der 45-Jährige. Gelegentlich telefoniert er mit ihnen. Alchikhtaka berichtet mit ernster Stimme, wie er und seine Familie zwischen die Fronten der syrischen Armee und der "Freien Armee", den Gegnern Assads, geraten seien. Abwechselnd sei das Flüchtlingscamp immer wieder gestürmt worden. "Nur wer gezahlt hat, blieb verschont. Je mehr Geld jemand hatte, desto freier war er." 2013 hätten die Probleme angefangen. Alchikhtaka wurde verhaftet. Nach sechs Monaten Gefängnis und Folter kam er frei und beschloss, in die Türkei zu fliehen. "Doch Palästinenser dürfen in die Türkei nicht einreisen." Erst als er einen Taxifahrer bestochen hatte, gelang die Grenzüberquerung. Von Izmir ging die Flucht weiter nach Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn, bis er schließlich in Deutschland landete.

"Tom, my brother"

Um den Biertisch scharen sich Sicherheitskräfte der Firma Fri-Sec. Im Schichtdienst bewachen sie rund um die Uhr die Unterkunft. Auch sie nehmen großen Anteil am Schicksal ihre Schützlinge. Die Asylsuchenden wissen dies zu schätzen. "Wir werden hier nicht wie Flüchtlinge behandelt, sondern wie Menschen, wie Familienmitglieder", betont Imad Sakkal. "Tom, my brother", grinst der 38-jährige Muhamad Aldolaimy und deutet dabei auf einen der Fri-Sec-Angestellten. Sakkal spricht allen aus dem Herzen, als er sagt: "Wir danken für den herzlichen Empfang und die gute Behandlung. Wenn wir euch einmal helfen können, werden wir das sehr gerne tun."

Bombenattentat überlebt

Feldbett an Feldbett in einer Turnhalle zu schlafen, scheint vor allem bei heißen Temperaturen kein Zuckerschlecken zu sein. "Für mich ist das kein Problem", sagt Muhamad Aldolaimy. "Ich bin froh, am Morgen aufstehen zu dürfen und keine Angst haben zu müssen." Zweimal seien auf das Hotel in Bagdad, in dem er gearbeitet hat, Bombenattentate verübt worden. "Ich habe jedes Mal Glück gehabt", erinnert sich der 38-jährige Iraker.

Vor über zehn Jahren hat er schon einmal versucht, dass Land zu verlassen. Er floh von Jordanien in die Türkei, dann wieder zurück in den Irak, wo er von einer Militärgruppe festgenommen wurde. Acht Tage lang musste er am Boden knieend verbringen, die Arme mit Kabelbindern am Rücken gefesselt. "Nur einmal am Tag durfte man aufs Klo gehen." Dann hieß es offiziell, er sei verwechselt worden. In Wahrheit wollte diese Gruppe nur Geld erpressen. Als das Haus, in dem er lebte, von Isis bombardiert wurde, entschloss er sich endgültig zur Flucht. In der Türkei bestieg er mit anderen zusammen ein kleines Holzboot, das schließlich die griechischen Marine aufgriff. Auch Aldolaimys Weg führte über den westlichen Balkan nach Deutschland. "Ich sehe es als großes, großes Glück, dass ich hier sein darf." Die Mutter lebt weiterhin im Irak, den Bruder hat es nach Finnland verschlagen.

Angst um die Familie

Der Syrer Sakkal bangt um seine Frau und seine fünf Töchter, die in Ägypten geblieben sind. Aus Angst, dass unterwegs seiner Familie etwas zustoßen könnte, hatte er allein versucht, nach Deutschland zu kommen. Der 43-Jährige spricht Englisch und war in jungen Jahren zur Ausbildung in England und Italien. Gewalt und Korruption in seinem Heimatland ließen die Familie zunächst nach Libyen fliehen. "Doch auch dort waren die Zustände schlecht." Sakkal überquerte das Mittelmeer in einem alten Holzschiff. "Ich war froh, dass uns die italienische Küstenwache und die Ärzte ohne Grenzen geholfen haben." Nach 20 Tagen in einem Lager in Italien versuchte er, in die Schweiz zu kommen. Als dies nicht klappte, reiste er weiter.

Deutsch lernen

Nach dem Interview fragt er, ob er die Zeitung bekommen könne, nachdem der Artikel erschienen sei. Ein Sicherheitsmitarbeiter verspricht ihm, eine mitzubringen. Den Einwand der anderen, er könne den Bericht eh nicht lesen, lässt er nicht gelten. "Dann hebe ich ihn mir solange auf, bis ich gut Deutsch kann."
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