Gastarbeitersohn feiert am Samstag am Bahnhof 50. Jahrestag der Ankunft in Deutschland
Juan Ramon "Monchito" Vilas ist der "Jackl"

Das Modell des Eiffelturms für den Wagen der Faschingsfreunde Gramau haben Juan Vilas und Ehefrau Renate Zupfer-Vilas ebenso aufgehoben wie zahlreiche Bilder. Bilder: ui (2)
 
Ich fahre gern nach Spanien, aber ich komme gern wieder heim.

Am Samstag um 14.01 Uhr fliegen am Bahnhof Windischeschenbach die Korken. Juan Vilas köpft eine Flasche Sekt, weil er vor genau 50 Jahren aus einem roten Schienenbus ausgestiegen ist.

Am 10. Dezember 1965, einem Freitag, war er als 14-Jähriger um 19 Uhr in Villagarcia de Arosa an der spanischen Atlantikküste mit der Mutter und Schwester Isabel losgefahren. 2500 Kilometer Zugreise lagen hinter den dreien, als sie am Montag darauf in Marktredwitz umstiegen. "Für den letzten Abschnitt hatten wir keine Fahrkarten. Die gab es in Spanien nicht", erinnert sich Vilas. Der Schaffner, der sie bei Wiesau kontrollierte, drückte ein Auge zu. Kurz danach nahmen der große Bruder Jose Alberto und der Vater das Trio in Windischeschenbach in Empfang.

Die Eltern lebten schon länger in Deutschland. Sie waren in Vigo, etwa 60 Kilometer von ihrem Heimatort, nahe Santiago de Compostela als Gastarbeiter angeworben worden. Während Mutter und Vater in Windischeschenbach arbeiteten, wohnten die Kinder zunächst bei der Oma. Obwohl sich herausstellte, dass Deutschland doch nicht das gelobte Land war, weil man hart arbeiten musste, holten die Eltern ihren Nachwuchs in die neue Heimat nach.

Die erste Überraschung für den Jugendlichen, den alle nur Monchito (eine Verniedlichungsform seines zweiten Vornamens Ramon) nannten, war der Schnee, die zweite kam Weihnachten mit der Bescherung und dem Christbaum. "In Spanien hatten wir Krippen, aber kaum Bäume." Kurz darauf begann die Schule in einem Land, dessen Sprache der Neuankömmling noch kaum verstand. Ein barsches "Schuhe weg!" war der erste Satz aus dem Mund von Lehrer Haustein, der dem Schüler von jenem 7. Januar in Erinnerung geblieben ist.

Ungerechte Ohrfeige


"Am Anfang denkst du, alle schauen dich an, weil du fremd bist." Doch Juan lernte in einem Vierteljahr Deutsch, fand Freunde und fing sich als 16-Jähriger noch "eine unberechtigte Schelln" vom Direktor ein, weil er auf dem Gang mit Mädchen gesprochen hatte. Dafür musste er mit seinem Freund Dieter auch noch eine Stunde nachsitzen.

Am 1. August begann Vilas die Lehre als Betriebselektriker. "Das war ein Glückstag." Bei Hofbauer in Windischeschenbach nahm sich Geschäftsführer Blechinger des jungen Spaniers an. Gleich am ersten Tag in der Werkstatt waren sich die Kollegen Wolfgang Stummreither, Horst Schellkopf, Werner Hacker und Helmut Neubauer einig, dass man sich den Namen des Neuen nicht merken könne. Einer schaute auf den Kalender, der noch nicht umgeblättert war und tippte auf den 25. Juli, den Namenstag des heiligen Jakobus. "'Du bist der Jackl.' Seitdem bin ich der Jackl." Unter diesem Spitznamen ist Juan bis heute in Windischeschenbach bekannt.

"Jackl" ging häufig mit Neubauer, dem Bruder seines heutigen Schwagers, und einer Clique ins "Atlantis", tanzte mit Waltraud Zupfer und lernte eines Tages bei einem Ausflug im Freibad Friedenfels deren Schwester Renate kennen und lieben.

Spontane Entscheidung


"Impulsiv und energiegeladen bin ich immer noch", blickt Vilas auf turbulente Wochen im Sommer 1977 zurück. Das junge Paar suchte in Neustadt eine Wohnung und beschloss nach der Absage der Vermieterin - "könnt Ihr euch das überhaupt leisten?" - ein Haus zu bauen. Das Grundstück in der Schlesierstraße schlug ihnen der städtische Geschäftsführer Josef Lang vor. "Ich hatte null Ahnung von der Lage", bekennt Vilas.

Renate und Juan unterschrieben den Vertrag für ein Fertighaus, zahlten 2000 Mark, um den Vertrag wieder zu lösen und bauten mit einem Parksteiner Architekten, mit dem sie eigentlich nur den Keller planen wollten. "Nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise war die Kellertreppe schon gemauert."

Vilas begann nach fünf Jahren, in denen er von Oberfranken bis Berlin Aufzüge gebaut hatte, Ende August mit der Meisterschule in Regenstauf. "Abends hat er von der Telefonzelle aus angerufen, und wir haben den Bau besprochen", erinnert sich Renate. Am 30. März zog das Ehepaar ein. "Damals war das sensationell schnell. Die Straße war noch gar nicht gebaut", zwinkert Juan.

Für Renate, bekannt in der Volksmusikszene als die eine Hälfte der "Zupfer-Moidln", war es ebenso egal, wie für ihre Eltern Bepp und Anni, dass sie einen Ausländer heiratet. Es habe nur einmal die Frage gegeben, was die Tochter mache, falls Monchito wieder nach Hause gehen wolle. Mit dem Satz "Das wird nicht passieren, wir bauen gerade ein Haus", war das Thema erledigt. "Er war für sie der Schwiegersohn."

"Ich fahre gerne nach Spanien, aber ich komme gern wieder heim", unterstreicht der Gatte, dass Renates Einschätzung vor 38 Jahren richtig gewesen ist. Die mittlerweile 97-jährige Mutter habe ihm beigebracht, dort zu Hause zu sein, wo man sich wohlfühle. "Du bist schon immer traditionell und heimatverbunden dort, wo du lebst", sagt Renate über Juan, der ergänzt, dass er sich auf jedes Klassentreffen in Windischeschenbach freut.

Ständig gelernt


"Meine Eltern gaben mir mit, dass ich auf die Schule und nicht als Hilfsarbeiter in die Fabrik gehe", freut sich Juan. Renate wundert sich manchmal, dass es ihrem Mann nicht irgendwann zu dumm wird, immer etwas Neues zu lernen. "Ich habe mich ständig weitergebildet. Das hat mich weitergebracht", entgegnet Juan, der sich 1980 für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden hat.

Ein Jahr zuvor wechselte der frischgebackene Meister ans Klinikum Weiden, wo der 64-Jährige heute die Abteilung zentrale Medizintechnik mit sechs Kollegen leitet. Im Neustädter Vereinsleben ist der gebürtige Spanier mehr als integriert. Über Schwägerin Waltraud Neubauer-Zupfer und deren Mann Dieter kam der leidenschaftliche Tänzer zur ASV-Tennisabteilung, die er seit 1985 leitet.

1997 wurde er Vizechef des Hauptvereins, kurz darauf, nach dem Rücktritt des Vorsitzenden, erst kommissarischer und dann gewählter ASV-Vorsitzender. Wer vorne dran sei, müsse immer mal Kritik einstecken, bekennt Vilas. "Mal ärgere ich mich, dann schmeiße ich mental alles hin." Dann passe es wieder. "Aber ich bin schon der Meinung, dass nach 18 Jahren an der Spitze neue Ideen reinkommen sollen."

1976 waren Renate und Juan außerplanmäßiges Prinzenpaar. "Renates Vater hatte das organisiert. Wir waren nur für eine Abend gebucht." 1987 gründete das Paar die Faschingsfreunde Gramau. Nach Juans maßstabsgetreuen Modellen bauten sie Motivwagen. "Er war ein Perfektionist und strenger Chef. Er hat uns sogar den fertigen Eiffelturm auf einem Wagen wieder abbauen lassen", lacht Renate über die Anekdote mit ihrem Ehemann.

Fraktionsführer der Zuhörer


Der gebürtige Spanier und treue Zuhörer in nahezu jeder Stadtratssitzung ist zufrieden. "Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Ich habe nette Kollegen, familiär passt alles. Ich vermisse gar nichts." Er wisse nicht, was er hätte anders machen sollen. "Ich habe mich immer angepasst. Wenn ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin, wer dann?"
Ich fahre gern nach Spanien, aber ich komme gern wieder heim.Juan Vilas, in Villagarcia de Arosa geboren, seit 50 Jahren in der Oberpfalz.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.