Hungrig nach Hilfe
"Dignitos": Bedürftigen per Klick Essen spenden

Sehnsüchtige Blicke ins Innere des Restaurants. Zu oft stehen Bedürftige abseits. Das Sozialprojekt "Dignitos" will sie "zurückholen an den Tisch der Gesellschaft". Bilder: hfz
 
Die Macher von "Dignitos": Die Geschwister Silke, Jürgen und Thomas Kost (von links) wollen mit ihrem gemeinnützigen Projekt dazu betragen, "dass sich die soziale Schere wieder ein Stück schließt".

Menschen helfen Menschen. Und "Dignitos" schlägt Brücken zwischen ihnen. Die Smartphone-App macht es möglich, Bedürftigen ein Mahl zu spendieren. Direkt und unkompliziert. Jeder Klick eine gute Tat - die Geschwister Kost aus Neustadt haben's erfunden.

Auf einmal flögen ihm jede Menge schöne Geschichten zu, erzählt Jürgen Kost. Wie die von der Frau, welche die heiß begehrten Schuhe im Schlussverkauf um zehn Euro billiger ergattert. Sie freut sich über die Ersparnis - und überweist den Zehner per Smartphone-App sofort an ein "Dignitos"-Restaurant weiter. Dort kommt er Bedürftigen zugute. Der 50-Jährige lächelt. Auch darum gehe es bei "Dignitos", bemerkt er: "Andere am eigenen Glück teilhaben lassen."

Und er erzählt noch eine andere Geschichte. Sie handelt von dem Ersten, der die Hilfe von "Dignitos" in Anspruch nahm. In einem Restaurant in Österreich bestellt sich der mittellose Rentner ein Mahl. Um die Rechnung muss er sich nicht kümmern. Die begleicht "Dignitos" mit Spenden wie jener von der Frau im Schlussverkauf. Der Inhaber des Lokals teilt Kost später mit, was der Gast gesagt hat. Nämlich: "Es hat so gut getan, mal wieder unter Leuten zu sein." Allein dafür, meint Kost, "hat sich's schon rentiert".

Online seit Oktober


Am Ziel ist der Neustädter dabei noch lange nicht mit "Dignitos". Eher ganz am Anfang. Erst im Oktober brachten er, Bruder Thomas (46) und Schwester Silke (40) das Sozialprojekt im Internet an den Start. Vorausgegangen waren aufreibende eineinhalb Jahre der Konzeption und der Planung. Die Idee hatten Thomas und Jürgen Kost bei einer ihrer häufigen Telefonkonferenzen, wenn sie mit dem Auto als Scouts für Arsenal London im Einsatz sind. "Thomas fragte mich aus heiterem Himmel: Kannst du dir vorstellen, über eine App Essen zu spendieren", erzählt Jürgen. "Dann war Stille."

Das musste erstmal sacken. Und bedurfte näherer Erläuterung. Jürgen Kost: "Wir teilen über Apps alles Mögliche. Wohnungen. Reisen. Aber das Elementarste - Essen - kannst du nicht über eine App teilen." "Dignitos" soll das ändern. Das Konzept: Bürger laden hilfsbedürftige Mitmenschen zu einem Mahl ein. Per App überweisen die Spender einen Betrag ihrer Wahl direkt an ein Partner-Restaurant von "Dignitos". Aus dem virtuellen "Dignit-Spendentopf" entnimmt der Gastronom das Geld für die Zeche eines Bedürftigen.

Helfen soll die Aktion insbesondere den "verschämten Armen", die sogar den Gang zum Sozialamt scheuen. "Es gibt Leute, denen siehst du's einfach nicht an, dass sie sich kein anständiges Essen leisten können", weiß Jürgen Kost. Mit "Dignitos" könnten sie "an den Tisch der Gesellschaft zurückkehren". Sie müssten nicht betteln, könnten sich ihre Würde bewahren. Deshalb auch der Name: Das lateinische "Dignitas" bedeutet "Würde". Wer in einem "Dignitos"-Lokal umsonst essen will, muss dies nur kurz dem Inhaber oder dem Kellner mitteilen. Die Bedürftigkeit muss der Gast nicht belegen, er bleibt anonym. Ein Geschäft freilich, das auf Vertrauen basiert.

Auf Suche nach Partnern


Eine ansehnliche Reihe von Gastro-Partnern in deutschen und österreichischen Städten macht bereits mit, erkennbar am Symbol des "D" in einer helfenden Hand. In Weiden und Amberg schritt die "Beanery" voran, in Altenstadt/WN ist "D' Wirtschaft" mit von der Partie. Derzeit bemühen sich die Kosts verstärkt um weitere Gastronomen. In Tirol, wo Schwester Silke unterwegs ist, "läuft's richtig gut. Dort gibt für uns auch Andreas Staudinger Gas, ein Profischiedsrichter". Anderntags werde er in Regensburg "Klingeln putzen", kündigt der 50-Jährige an.

Dabei wird er den Gastronomen versichern, "dass wir ihnen nichts verkaufen wollen. Wir bieten ihnen nur eine Plattform an." Und damit nicht nur die Möglichkeit, Gutes zu tun. Auch wirtschaftlich könne sich die Teilnahme für die Wirte ja nur lohnen, sagt Kost. Bedürftige, die ein Mahl ordern, unterstützen damit das jeweilige Lokal. Kost spinnt die Idee weiter: "Arbeitslose Köche könnten sich zusammentun und ein ,Dignitos'-Restaurant eröffnen."

Jürgen Kost betont, dass "Dignitos" ein gemeinnütziges Projekt ist. "Wir sind komplett unabhängig, es gibt keine Investoren." Alle bisherigen Leistungen hätten die drei Geschwister finanziert, die als Gesellschafter fungieren. Oder aber Bekannte hätten sich unentgeltlich engagiert. "Die Hilfsbereitschaft ist riesig", freut sich der Neustädter, der sich mit seiner Datenbank für den Profifußball einen Namen gemacht hat. Auch für "Dignitos" gelte: "Das ist etwas, das mal nicht aus Silicon Valley kommt, sondern aus der Oberpfalz. Darauf sind wir durchaus stolz."

Spenden willkommen


Derzeit läuft eine "Crowdfunding"-Aktion (www.startnext.com/dignitos): Die Kosts sammeln Spenden, um Verwaltungskosten und den weiteren Ausbau von "Dignitos" stemmen zu können. Denn das Projekt ist ja längst nicht am Ende. Wenn das Restaurant-Standbein fest verankert ist, könnte sich die Unterstützung für verschämte Arme auch auf andere Bereiche ausdehnen, deutet Jürgen Kost an. Er ist jedenfalls zuversichtlich, dass "Dignitos" der verdiente Erfolg zuteil wird. "Es gibt eine unglaubliche Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen", sagt er. "Es braucht nur Brücken." Wie "Dignitos". Der Hunger nach mehr ist schon jetzt groß.

So funktioniert "Dignitos"Per "Dignitos"-App spendet ein Unterstützer einen Betrag seiner Wahl (beispielsweise auch nur 1 Euro) an ein Partner-Restaurant.

1 Euro entspricht 1 Dignit, der virtuellen "Dignitos"-Währung.

Ordert ein Bedürftiger in dem Restaurant ein Mahl, wird die Rechnung aus dem "Dignit"-Topf bezahlt. Die Restaurants rechnen mit den "Dignitos"-Verantwortlichen ab. 9 Prozent einer Spende behalten sie ein, um den Verwaltungsaufwand zu finanzieren.

Sind in einem bestimmten Restaurant alle "Dignits" aufgebraucht, können weitere Rechnungen aus einem allgemeinen Topf beglichen werden. (rg)

Mehr Infos: www.www.dignitos.com

Gehaltvolle Kost

Angemerkt von Ralph Gammanick

Eine Weihnachtsgans kann sich nicht jeder leisten. In viel zu vielen Wohnungen ist Schmalhans auch an den Feiertagen Küchenmeister. Möglicherweise sogar in Ihrer Nachbarschaft: "Verschämte Arme" lassen sich ihre Notlage oftmals nicht anmerken. Die Geschwister mit dem schönen Namen Kost haben eine neue Idee, um ihren Hunger zu lindern. Und sie setzen sie vorbildlich um: "Dignitos" ist gehaltvoll, leicht verdaulich, ansprechend angerichtet.

Die App ist kinderleicht zu bedienen, das System raffiniert: Wer für den guten Zweck spenden will, kann die Bedürftigen mit einem Klick ebenso unterstützen wie bestimmte Lokale. Und Restaurants, die mitmachen, vollbringen nicht nur eine gute Tat, sondern betreiben auch noch PR in eigener Sache. Nicht zuletzt haben sie einen wirtschaftlichen Vorteil: Mit "Dignitos" sichern sie sich Umsätze.

Die Kosts ziehen ihr Projekt von Neustadt aus in großem Stil auf. Nicht nur in der näheren Umgebung, sondern gleich in ganz Deutschland und in Österreich. Und nichts spricht dagegen, dass es gelingen kann. Hilfsbedürftige gibt es überall. Hilfsbereite auch. Sie müssen nur wissen, dass sie auf "Dignitos" zurückgreifen können. Vor allem braucht es jede Menge Restaurantbesitzer, die mitmachen. Viele Köche verderben den Brei? Nicht in diesem Fall. Viele Köche helfen, dass viele Menschen endlich satt werden.

ralph.gammanick@derneuetag.de
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