Lernentwicklungsgespräch statt Zwischenzeugnis
Oh, LEG

Emrah Karayol mit Lehrerin Sandra Fenzl von der 1b der Grundschule Neustadt/WN beim Lernentwicklungsgespräch (LEG). Mit den roten, gelben und grünen Steinen soll er seine Fähigkeiten einschätzen. Bild: Götz

Am 19. Februar ist es wieder so weit: Schüler zittern vor dem Zwischenzeugnis, und Eltern erhalten einen Überblick über die Leistungen ihrer Sprösslinge im letzten Halbjahr. Besonders aufgeregt sind Schulanfänger. Die Grundschüler in Neustadt machen gerade eine ganz neue Erfahrung.

Maximilian, sechs Jahre alt, ist aufgeregt. Zum ersten Mal trifft er sich außerhalb des regulären Schulbetriebs mit seinem Klassenlehrer. Mit im Schlepptau hat er seine Eltern. Die drei "Parteien" sind am Samstagvormittag um 11 Uhr in der Grundschule Neustadt zum Lernentwicklungsgespräch (LEG) verabredet. Diese neue Form des Zwischenberichts über schulische Leistungen wird in der Grundschule Neustadt aktuell erstmals mündlich verhandelt. Im Vorfeld erhielt Maximilian einen "Lernstandsbogen", den er ausfüllen sollte.

Ampelsystem


Darauf hatte er sich in bestimmten Bereichen selbst zu beurteilen: Sozial- und Arbeitsverhalten, Mathe, Deutsch, Heimat- und Sachkunde-Unterricht, Werken und Gestalten, Religion, Kunst, Musik und Sport. Das Ampelsystem diente dabei als Orientierung: Rot bedeutet große Probleme und dringend benötigte Hilfe. Gelb heißt mittelmäßig und bei Grün ist alles in bester Ordnung. Selbiges füllte der Lehrer aus seiner Sicht aus. Beim LEG vergleichen Maximilian und sein Lehrer im Beisein der Eltern ihre Einschätzungen, besprechen Unterschiede und formulieren Ziele für die Zukunft, die auf einem Bogen festgehalten werden. Lehrer, Schüler und Eltern unterschreiben anschließend die Ziel-Vereinbarung.

Maximilian ist nervös: "Ich habe einmal geschwätzt, deswegen habe ich mein Arbeitsverhalten gelb markiert." Sein Lehrer beruhigt ihn: "Nur, weil du einmal geschwätzt hast, brauchst du das doch nicht gelb markieren. Ich habe das bei dir grün angestrichen."

Dieses Beispiel, das die Neustädter Grundschul-Rektorin Heike Merther anführt, verdeutlicht die Stärken und Schwächen der neuen Schulleistungsinformation in der Grundschule. "Wir ersetzen in sechs Klassen der ersten und zweiten Jahrgangsstufe in diesem Jahr zum ersten Mal das Zwischenzeugnis durch ein Lernentwicklungsgespräch und wollen bis zu den Faschingsferien fertig werden", sagt sie. Die Lehrer seien "mit Feuereifer dabei" und das Schulgebäude derzeit auch "am Wochenende beheizt". Spezielle Fortbildungen und Schulungen hätten die Pädagogen auf die Gesprächsführung vorbereitet.

23 Einzelgespräche


"Bisher bekommen wir nur positive Rückmeldungen. Die Schüler faszinieren mich, und es ist auffällig, wie sehr sie sich teilweise unterschätzen. Die Lehrer hingegen wenden tolle Kniffe an, um mit den Schülern ins Gespräch über ihre Leistungen zu kommen", sagt Merther. Den enormen außerschulischen Aufwand mit durchschnittlich 23 Einzelgesprächen à zirka 30 Minuten sehen die Pädagogen als willkommene Alternative zum Zeugnisschreiben. "Für jeden Schüler individuelle Anmerkungen zu formulieren steht von den Anstrengungen her den Einzelgesprächen in nichts nach", stellt Merther klar. Bisher beschränkt sich der Zwischenzeugnis-Ersatz auf die erste bis dritte Jahrgangsstufe.

"Die vierten Klassen sind wegen des Übertritts von dieser Regelung ausgenommen", stellt Christine Söllner vom Schulamt Neustadt klar. Und für die unteren Jahrgangsstufen gelte die Regel: "Wenn einer, dann alle. Entscheidet sich die 2a zum LEG, müssen auch alle anderen zweiten Klassen nachziehen." Und die Abschlusszeugnisse blieben sowieso bestehen, "da sie Dokument-Charakter besitzen". Nach einer Testphase an den Flex-Schulen, sei die Möglichkeit eines LEGs inzwischen für alle Schulen freigegeben. "Die Entscheidung obliegt den jeweiligen Rektoren", sagt Söllner.

Ganzes Schulsystem auf dem PrüfstandKritik am Lernentwicklungsgespräch kommt vom Bayerischen Lehrer - und Lehrerinnenverband (BLLV). "Die Idee ist grundsätzlich zu begrüßen, allerdings fehlt es noch an den passenden Rahmenbedingungen", sagt Ursula Schroll, Oberpfalz-Vorsitzende des BLLV. Zu viele Schulen scheuten noch den Aufwand, die zeitliche Belastung neben dem Unterricht-Pflichtprogramm sei zu hoch, und die Beschränkung auf die ersten drei Jahrgangsstufen widerspreche der Idee.

"Entweder wird die Unterrichtszeit verkürzt oder der Zeitraum für die LEGs verlängert und nicht rund um den eigentlichen Zeugnistermin komprimiert." Einer Ausweitung der Gespräche auf weiterführende Schulen steht der BLLV, laut Schroll, skeptisch gegenüber. "In Gymnasien und Realschulen gibt es kein Klassenlehrer-Prinzip. Wer soll da die Gespräche führen? Mit den Schülern zu reden, ist besser als über sie, aber sollte das Ministerium solche Pläne verfolgen, steht unser gesamtes Schulsystem auf dem Prüfstand."

Das sieht Oberstudiendirektor Anton Hochberger vom Gymnasium Neustadt ähnlich. "Wir ersetzen das Zwischenzeugnis schon durch eine Auflistung sämtlicher mündlicher und schriftlicher Noten in allen Fächern. Zweimal im Jahr erhalten Eltern so einen Überblick über die schulischen Leistungen ihrer Kinder." (fle)
Ich habe einmal geschwätzt, deswegen habe ich mein Arbeitsverhalten gelb markiert.Maximilian, Grundschüler
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