Polizist und Pfarrer über das Helfen
Sankt Martin auf der Straße

"Wer den Nächsten, den Kranken und Behinderten nicht ernst nimmt, der ehrt auch Gott nicht." Zitat: Pfarrer Josef Häring
 
Für Helmut Franz steht die Sicherheit der Kinder immer an erster Stelle. Bild: Schönberger

Ein Junge steht weinend in der Von-Gluck-Straße, weil er den Schulbus verpasst hat. Eine schwierige Situation, meinen Polizist Helmut Franz und Pfarrer Josef Häring. Sie sprechen über Pflichten und Probleme beim Helfen.

Viele Autos fahren an diesem Tag durch die Nebenstraße. Keiner der Fahrer hält an. Schließlich kommt eine Joggerin vorbei. Sie tröstet den Jungen, verständigt die Schule und fährt ihn mit dem Auto dorthin.

Eine schwierige Situation, sagt der Geschäftsführer der Kreisverkehrswacht Helmut Franz. Denn er und seine Kollegen bringen den Kindern immer bei: Fremde auf keinen Fall auf sich zukommen lassen. "Wenn das Kind vorher in meinem Kurs war - es würde weinend weglaufen." Franz besucht mit seinen Kollegen regelmäßig die Schulen des Landkreises. Dort hält er Kurse zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr. Dazu gehört für ihn auch: Nicht mit Fremden sprechen, nichts annehmen und auf keinen Fall ins Auto einsteigen.

"Natürlich ist das lobenswert, was die Frau gemacht hat", räumt er ein. "Sie war sicher vertrauenswürdig und freundlich. Das hört sich jetzt ganz locker an: Ein Kind weint, ich helfe." Doch bereits eine einfache Frage nach dem Weg könne schnell Besorgnis bei den Eltern auslösen, weiß der 58-jährige Polizeibeamte aus eigener Erfahrung. "Das Kind kommt nach Hause und erzählt: ,mich hat ein Mann angesprochen.' Die Eltern machen sich Sorgen. Solche Anrufe haben wir öfter." Ihm selbst ist das auch passiert: "Es läuft ein dreijähriges Kind alleine auf der Straße. Ich spreche es an und das Kind schreit und läuft weg."

Mehr aufeinander achten


Es seien wohl eher die Damen in unserer Gesellschaft gefordert, spekuliert der Beamte. "Deshalb gehen wir immer mit weiblichen Beamten in die Klassen." Wenn ein Kind zu Schulbeginn nicht da ist, verständige die Schule sofort die Polizei. "In 99,9 Prozent der Fälle ist es ein Verschlafen der Eltern", sagt Franz. Er freut sich über das Engagement der Frau: "In Neustadt wird noch geholfen." Die Leute fühlten sich einander verpflichtet.

Doch der Eindruck, dass die Menschen insgesamt weniger aufeinander achten, dränge sich durch das einsam weinende Kind schon auf, findet Pfarrer Josef Häring. "Wenn ich jemanden anspreche und frage, warum sie nicht geholfen haben, sagen die Menschen nicht: ,Danke für den Hinweis'. Ich bekomme die Antwort: ,Was willst du, warum hast du nicht selbst geholfen?'" Die Menschen zur Selbstkritik anzuleiten sei eine der schwersten Sachen, meint Häring.

Das Geschehen in Neustadt erinnert ihn an einen Vorfall vor zwei Wochen in Essen. Dort war ein Rentner in einer Bankfiliale umgekippt. Vier Personen gingen an ihm vorbei, ohne zu helfen. Der 82-Jährige verstarb kurze Zeit später im Krankenhaus.

Menschen egoistischer


Dazu fällt ihm das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein. Es handelt von einem Mann, der von Räubern überfallen wird. Ein Priester und ein Schriftgelehrter gehen vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern. "Da haben wir vor zwei oder drei Wochen mal in der Schule drüber geredet." Ein kleines Mädchen habe gesagt, es würde an der Türe läuten, wenn es einen Verletzten auf der Straße fände. "Die Kinder wissen schon, wie sie sich verhalten sollten." Er vermutet, die Menschen werden egoistischer, weil das Leben härter wird. "In der Gesellschaft wollen sie sich mit Ellbogen durchsetzen."

"Wenn jetzt wieder die Martinszüge kommen, dann ist die Kirche übervoll und alle sind begeistert und freuen sich." Doch das alles sei nicht nur eine selige Erinnerung an diese Tat. "Das ist eigentlich kein Spiel, sondern eine Motivation, dass es im Leben auch so sein soll. Man muss nicht seinen Mantel zerreißen, aber man kann etwas anderes tun. Das Hauptgebot ist Gott und den Nächsten zu lieben."

Wenn das Kind vorher bei mir war: Das wird weinend weglaufen.Helmut Franz, Geschäftsführer der Kreisverkehrswacht


Wer den Nächsten, den Kranken und Behinderten nicht ernst nimmt, der ehrt auch Gott nicht.Pfarrer Josef Häring
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