Vor fünf Jahren starb Eva L. an einem Bahngleis
Als das Leben stillstand

Das Kreuz, die Engel und Kerzen erinnern an Eva L. (Name geändert). Das 17-Jährige Mädchen aus dem Landkreis Neustadt/WN starb am 19. November 2010 an diesem Bahngleis. Bilder: spi (2)
 
Ein Bild von einem Engel schenkte das Mädchen seiner Mutter - drei Tage vor seinem Tod. Die Familie hat den Engel in Glas fassen lassen. Er ziert das Kreuz am Unglücksort.

Freitag, 19. November 2010. Ein trister Herbsttag, der alles verändert. Eva L. (Namen geändert) ist tot - gestorben an einem Bahngleis. Fünf Jahre nach dem Unglück spiegeln sich in den Tränen von Mutter und Tante Trauer, Schmerz und Erinnerungen wider.

Von Anne Spitaler

An der Wand im Esszimmer hängt ein großes Foto. Das Mädchen auf dem Bild strahlt. Blonde Locken kringeln sich um das Gesicht, rahmen es ein. Auf dem Fensterbrett noch mehr Fotos: Grobe, braune Baumrinde ist zu erkennen. Die 17-Jährige umarmt den Stamm - wieder ein Lächeln. "Drei Tage vor ihrem Tod hat sie mir den Engel gemalt. Sie kam runter und hat gesagt: Mama, den schenk ich dir", sagt Petra L. aus dem Landkreis Neustadt/WN mit leiser Stimme und zeigt auf das eingerahmte Papier an der gegenüberliegenden Wand.

Blaue, gelbe und rote Linien formen auf weißem Papier einen Engel. "Für mich ist es aber ein Schmetterling. Man sagt ja auch, der Tod ist die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling." Im Ofen knistert das Feuer. Eine Uhr tickt. "Wir haben den Engel in Glas fassen lassen und in das Kreuz am Bahnhof eingelassen." Petra L. verschränkt ihre Hände, nestelt an ihrem roten Strickpullover. Es ist für sie schwer, darüber zu sprechen.

"Ich weiß noch alles von dem Tag. Aber ich weiß zum Beispiel nicht mehr, welche Farbe diese blöde Jacke hatte. Was sie anhatte", versucht sich Regina R., Tante des Mädchens, zu erinnern. "Flieder", flüstert Petra L. Tränen glitzern in ihren blauen Augen. Sie starrt auf die Tischplatte und kaut auf der Unterlippe. Stille. "Wir sind morgens aufgestanden, haben ganz normal gefrühstückt. Alle waren schon aus dem Haus. Ich war auf dem Sprung. Da kommt Eva im Schlafanzug die Treppe runter gehüpft. Ein Hosenbein hochgeschoben." Petra L. seufzt.

Die 17-Jährige hätte eigentlich morgens Nachhilfeunterricht gehabt, hat ihrem Nachhilfelehrer aber an diesem Tag abgesagt und wollte mit dem Fahrrad später zum Bahnhof fahren. Von dort weiter mit dem Zug in die Schule. "Sie hat mich gefragt, ob sie mir helfen kann. Ich war schwer beladen und hab gesagt, sie soll wieder reingehen, damit sie nicht krank wird." Tränen kullern die Wangen herab. Die Mutter tupft sie mit einem zerknitterten Taschentuch weg. "Dann hat sie sich umgedreht und ist gegangen. Jeder ist seinen Weg gegangen." Wieder Stille. Die Erinnerungen an die letzten Worte der Tochter, die letzten Momente schmerzen zu sehr.

Blackout


"Ich bin in die Arbeit gefahren. Um 9 Uhr ist es passiert, um halb 12 kamen mein Mann und ein Notfallseelsorger in die Arbeit und haben es mir gesagt", erinnert sie sich. Und dann - Blackout. "Ab diesem Moment weiß ich nichts mehr." An einen Augenblick erinnert sie sich aber wieder besonders stark - als sie im Leichenhaus steht: "Es war mein einziger Gedanke: Ich will sie mit heimnehmen. Ich hätte mich von nichts und niemandem aufhalten lassen", presst sie hervor.

Ihre Stimme wird kräftiger. Plötzlich sei sie ganz klar im Kopf gewesen. "Es war für mich die wichtigste Entscheidung. Es war eine heilige Nacht. Wir waren alle bei ihr." Die Familie habe mit dem Mädchen gesprochen - über alles, was noch offen war, was ihnen am Herzen lag. Petra L. reibt sich die Stirn, die Brille hat sie zwischen die blonden Haarsträhnen gesteckt. "Man kann es nicht mit Worten beschreiben. Und man darf es, jemanden heimholen. Es weiß nur keiner." So hatte die Mutter die Möglichkeit, sich in Ruhe zu verabschieden.

"Letztes Weihnachten habe ich den Mädchen zu ihrem Geschenk eine Geschichte gelegt: ,Wenn ich wüsste, dass es das letzte Mal ist, dass ich dich zur Türe rausgehen sehe, würde ich dich umarmen und küssen und dich für einen weiteren Kuss zurückrufen", beginnt sie vorzulesen. Immer wieder betont Petra L., wie wichtig es sei, sein Leben zu leben. Alles könne von heute auf morgen vorbei sein.

Die 17-Jährige habe nur zwei Schrammen gehabt: an der Stirn und am Handgelenk. Die Mutter streicht sich an den Stellen über die Haut, als sie davon erzählt. "Die Schranke war schon unten. Sie wollte wahrscheinlich noch ihren Zug erwischen." Die Familie denkt, dass sie in die Richtung geschaut hat, aus welcher der Zug sonst kommt. Doch an diesem Tag kam es anders. Eine außerplanmäßige Lok rollte von der anderen Seite in den Bahnhof ein. Das Mädchen hatte sie nicht gesehen.

Was dann passierte, wissen die Frauen nicht genau. Wovon die tödlichen Verletzungen kommen, bleibt für sie ein Rätsel. Es sei ihnen gesagt worden, dass beim Vorbeirauschen der Züge ein Sog entsteht. Das Mädchen könnte mitgerissen worden sein. "Man muss gar nicht nah am Gleis stehen", versucht Regina R. das in Worte zu fassen, was passiert sein könnte. "Ich schimpf sie heute noch zusammen, weil sie nicht überlegt hat. Aber, wenn die Tür immer so rum aufgeht und einmal nicht, sondern in die andere Richtung, rennt doch jeder dagegen."

Die Tante des Mädchens erinnert sich noch an den Moment, als sie es erfahren hat. Sie war mit dem Auto unterwegs. "Da hat mein Handy geklingelt." Sie bricht in Tränen aus. "Ich weiß noch ganz genau, wo es war. Meine Tochter hat angerufen, geweint und dann fiel der Name. Mir war so schlecht. So schlecht war mir im Leben noch nicht." Wie sie heimgekommen ist, weiß sie nicht mehr - auch nicht, was sie dann gemacht hat. Sie ringt nach Worten. An das nächste, woran sich die Tante erinnert, ist der Lockenkopf von Eva L. - bei ihrer Familie zu Hause. "Wenn die Türen offen sind, kann man quer ins Wohnzimmer schauen. Ich hab sie liegen sehen und gedacht, ich schaff das nicht."

Regina R. hat sich umgedreht und wollte gehen. Es sei zu viel für sie gewesen. "Petra hat mich dann geholt und wir haben uns in den Armen gelegen." Das Bild hat sich bei den Frauen ins Gedächtnis eingebrannt. "Es ist fast wie ein Schnitt mit dem, was Leben eigentlich ist. Die meisten Sachen, mit denen wir uns beschäftigen, sind vollkommen unwichtig", sagt Petra L. und schüttelt den Kopf. "Eva hat ihr Leben ganz intensiv gelebt", erzählt ihre Mutter. "Sie war das pure Leben. Fröhlich. Optimistisch." So hat auch Paulina ihre beste Freundin in Erinnerung. "Eva hat mir immer eine fröhliche Guten-Morgen-SMS geschrieben." An diesem Tag kam keine.

Verstorbene nur im Urlaub


"Ich hab mich gewundert, dass sie mir kein Glück für die Bio-Klausur gewünscht hat. Während der Klausur hatte ich von einer Sekunde auf die andere ein komisches Gefühl, dachte aber ich bin zu aufgeregt." Was passiert war, hat sie erst später erfahren. "Ich habe ihren Papa angerufen. Er hat nur gesagt, es ist wahr." Tränen seien ihr in die Augen gestiegen. "Ich konnte mir nicht erklären, warum sie ... Sie war so glücklich im Leben, hat andere motiviert."

An dem Abend sei sie mit den engsten Schulfreunden noch zu der Familie gefahren. "Ich habe Eva zwar liegen sehen, aber es war für mich nicht sie." Bis heute denkt Paulina, dass ihre Freundin im Urlaub ist und wieder kommt. Die Freundinnen halten Kontakt zu der Familie. Einige Zeit nach dem Unglück durften die Mädchen auch nochmal in das Zimmer von Eva L. - ein kleines Andenken mitnehmen. "Ich hab mir ein Armband ausgesucht. Das hatte sie immer dran." Paulina hat auch eine blonde Locke von ihrer Freundin. "Die habe ich immer im Geldbeutel dabei - als Glücksbringer." Das Zimmer ist heute noch so, wie Eva L. es verlassen hat. "Es bleibt immer ihr Zimmer", sagt die Mutter. Manchmal kuschelt sie sich in das Bett ihrer Tochter, um ihr noch näher zu sein.
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Die Familie lebt in unserem Verbreitungsgebiet. Auf ihren Wunsch hin nennen wir Namen und Wohnort nicht.
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