Im Jubiläumsjahr
Brauer aus dem Landkreis über Reinheitsgebot uneins

Denken Sie mal an mich: In zwei Jahren stirbt diese Craft-Beer-Mode wieder aus.
 
Michael Eismann kann den Ausdruck Craft Beer nicht leiden, obwohl es einmal genau für solche Brauer wie ihn, die den Sud noch von Hand anrühren, erfunden wurde. Der Altenstädter könnte sich ein etwas weiter gefasstes Reinheitsgebot vorstellen.

Wenn eine Tradition 500 Jahre alt wird, ist das ein Grund, darauf anzustoßen. Wenn es sich um den Jahrestag des deutschen Reinheitsgebots handelt, erst recht. So sieht es die Mehrheit der heimischen Brauer. Einige junge Bier-Rebellen halten das Gesetz dagegen längst für schal und sauer.

Von Friedrich Peterhans

Ludwig Koch aus Wurz baut zurzeit mit Harald Schaller in Floß eine ehemalige Metzgerei zum Brauhaus um. Ab Mitte des Jahres möchte er dort den Oberpfälzern neben bodenständigen Sorten die "unglaublich faszinierende Vielfalt" ausländischer Biere näherbringen. Also mal ein belgisches Weißbier mit Gewürzen und ein schottisches Starkbier mit Koriander. "Das ist dort auch seit Jahrhunderten Tradition."

Sobald der gelernte Brauer und Mälzer aber selber den Sud kocht, ist er an das uralte Reinheitsgebot gebunden. "Es behindert mehr als es nutzt", meint Koch. Das Reinheitsgebot sei einerseits ein Gütesiegel für eine bayerische Spezialität, auf der anderen Seite stecke darin ein Stück weit "Intoleranz und Heuchelei". Längst hätten anders hergestellte Biere bewiesen, dass sie geschmacklich formidabel und gesundheitlich nicht weniger bedenklich seien.

Deutsche fallen zurück


Die Statistik gibt Koch recht. In den USA, Italien, Belgien und England boomt die Craft-Beer-Szene. Unter Craft Beer versteht man handgemachtes Bier, das oft in Kleinstbrauereien angerührt wird. Zitrus- und Obstnoten, Gewürze oder Champagnergeschmack verleihen diesen modernen Hopfenbomben Kultstatus. Zugleich setzen Craft-Fetischisten auf solides Handwerkswissen. Allein in den USA haben solche Biere inzwischen 12 Prozent Marktanteil. Ihre Hersteller setzen indes mehr Hopfen ein als die übrigen 88 Prozent.

International feiern so viel Handarbeit und Experimentierfreude enorme Erfolge. Deutsche Biere finden sich bei Prämierungen dagegen immer öfter unter ferner liefen. Selbst Biersommeliers gelingt es bei Blindverkostungen kaum, das Pils der fünf bekanntesten deutschen Marken zu unterscheiden. Es zielt auf Massengeschmack und ist im Mund folglich ähnlich, Kritiker sagen: langweilig.

"Bestens bewährt"


Mikrobrauer geben dafür dem Reinheitsgebot eine Mitschuld und schmähen es als "Einheitsgebot". Craft Beer und Traditionsgebräu: "Man könnte doch beides zulassen", hätte Koch nichts gegen eine Lockerung des angeblich ältesten Verbraucherschutzgesetzes der Welt.

"Ja nicht", winkt Robert Sperber ab. "Das Reinheitsgebot hat sich bestens bewährt", sagt der Windischeschenbacher Zoiglwirt. Er hält den Craft-Hype für eine Modeerscheinung. "Was soll Orangensaft im Bier? Denken Sie mal an mich: In zwei Jahren stirbt das alles wieder aus." Die These klingt gewagt, Sperber ist aber kein Einzelfall. Für Johannes Püttner aus Schlammersdorf ist die 500 Jahre alte Verordnung eine Art Heilige Schrift seiner Zunft. "Eine Supersache, es gibt nichts Besseres. Man muss nicht alles Mögliche in den Sud reinwerfen." Trotzdem versucht sich Püttner im Jubiläumsjahr des Reinheitsgebots selber mal als Craft-Meier. Am 19. Juni schmeißt er ein Hoffest mit Schaubrauen und Besuch der Hallertauer Hopfenkönigin. "Da gibt es ein Red Ale mit verschiedenen Hopfen- und Malzsorten, aber streng nach Reinheitsgebot."

Heiner Nachtmann von Gambrinus in Weiden sieht in der Region keinen rechten Markt für die Bier-Revolutionäre. Er ist vielgereist und hat festgestellt: "Craft Beer geht überall dort, wo Tourismus ist. Bei uns denken die Leute eher traditionell. Das hören wir immer wieder bei Brauereiführungen." Ähnlich schätzt "Käck'n"-Wirt Matthias Schönberger aus Neuhaus die Lage ein.

Michael Eismann würde gern für seine Kunden das Beste aus beiden Welten vereinen. Er klingt wie ein Traditionalist, der den Begriff Craft Beer nicht mag. "Der ist inzwischen ähnlich verwässert wie der Name Zoigl." Der Altenstädter ist überzeugt, dass es nach wie vor möglich ist, im Rahmen des Reinheitsgebots tolle Biere herzustellen. "Auf der anderen Seite würde ich mir mehr freie Hand bei der Kreativität wünschen."

Milchzucker und Kaffee


Er hat absolutes Verständnis für einen Kollegen aus dem Chiemgau, den der deutsche Brauerbund jüngst nach Österreich vertrieben hat. Der Oberbayer arbeitet handwerklich blitzsauber, stellte aber ein Milk Stout her, nach britischer Tradition mit Milchzucker. So etwas darf in Bayern nicht Bier heißen. "Wegschütten", befahl das Landratsamt.

Ein ähnliches Schicksal drohte ihm mit einem Coffee Porter, dessen Sud über Kaffeebohnen fließt. Der preisgekrönte Craft-Beer-Rebell hat die Schnauze voll. Er zieht samt Brauhaus 50 Kilometer weiter nach Salzburg, darf seine Produkte Bier nennen und nach Bayern exportieren.

Eismann könnte sich in einem überarbeiteten Reinheitsgebot einen Kompromiss vorstellen: Bis zu drei natürliche Zusätze wie Gewürze oder Fruchtextrakte sollten erlaubt sein. "Ich habe für meinen Eigenbedarf schon mal Weihnachtsbier mit Kardamom, Zimt und Sternanis gemacht. Das war hervorragend."

Das Reinheitsgebot ist in seiner Strenge der damaligen Zeit und ihrer hygienischen Verhältnisse geschuldet, glaubt Eismann. "Wenn ich nur daran denke, was es für ein Kampf war, kaltgehopfte Biere zu erlauben", stöhnt er über den kaum zu erschütternden Absolutheitsanspruch der Verordnung. Die Craft-Bewegung sieht er positiv. "So behalten junge Leute Freude am Bier."

Den Traditionalisten dürfte der Abwehrkampf für das Gesetz in Zukunft schwerer fallen. Auch die Altvorderen nahmen es in der Vergangenheit nicht so genau. So halten die Neuhauser Kommunbrauer ein vor sechs Jahren wiederentdecktes Buch in Ehren, das als Leitfaden vieler Generationen von Zoiglherstellern galt. Es stammt von 1863 und nennt sich "Schule der Bierbrauerei". Darin stehen als Zutaten für den Sud: Muskatblume, Gewürznelkenöl, Wacholderbeeren, Koriander und Zimtrinde.
Denken Sie mal an mich: In zwei Jahren stirbt diese Craft-Beer-Mode wieder aus.Robert Sperber, Brauer und Zoiglwirt


Der Herzog und das BrotDas deutsche Reinheitsgebot feiert am 23. April 500. Geburtstag. Es geht auf Herzog Wilhelm IV. von Bayern zurück. Er legte anno 1516 fest, dass Bier "allein Gersten, hopffen und wasser" enthalten dürfe.

Hintergrund war vor allem, Weizen und Roggen für das Brotbacken zu reservieren. Wer Weizenbier herstellen wollte, brauchte ein teures Sonderrecht. Ludwig Koch erklärt das so: Der Herzog hat gegen gutes Geld Weizenmonopole verkauft, um seine Kriegskasse zu füllen. Interessant: Von der unerlässlichen Hefe zur Gärung steht in dem Erlass von 1516 nichts. (phs)
Es ist ein bisschen intolerant.Brauer Ludwig Koch über das Reinheitsgebot
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