Pertolzhofener Kunstdingertage mit spannendem Menü
Frühstück mit Nachtblau

Martina Benz hat das Kaminholz von Gastgeber Heiko Herrmann zweckentfremdet und bastelt an zwei Stühlen, deren Beine sich nicht an die Regeln halten. Sie denkt dabei auch an sitzende Menschen, die in ihre eigenen Welten verstrickt sind. Bilder: Bugl (3)
Kultur
Niedermurach
29.06.2016
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Bei Jürgen Palmtag darf das Schlagzeug auch mal ganz anders klingen. Kostproben gibt es am 2. Juli.

Atemgeräusche und das laute Poltern eines umfallenden Notenständers: Stimmig angeordnet und ergänzt durch virtuelle Instrumente wird daraus Musik. Und das sind heuer keineswegs die einzigen ungewöhnlichen Zutaten für das Menü zu den "Kunstdingertagen".

Niedermurach-Pertolzhofen. Im Garten neben dem Atelier von Heiko Herrmann wartet die Miniaturlandschaft von Willi Weiner auf Bewunderer, die türkisfarbene Wasserflächen genauso lieben wie anmutige Berge. Auf dem Dachboden blicken unheimliche Gesichter, kreiert von Mariko Saito, mit großen Augen von weißen Blättern auf, und unten strecken die hölzernen Stühle von Martina Benz ihre Beine nach einem Gegenüber aus - fast so, als wollten sie "füßeln". Dazu ertönen hin und wieder schaurige Klänge von oben, hinter denen Jürgen Palmtag steckt.

Im Fotoapparat von Jo Magrean, der kurzfristig zu einer Ausstellungseröffnung nach Südfrankreich fliegen musste, stecken noch die "Lieblingsorte" wie Herrmanns "tragbares Lagerfeuer" auf der Basis einer ausrangierten Waschmaschinentrommel. In gut zehn Tagen haben sechs Künstler seit dem Start der "23. Pertolzhofner Kunstdingertage" ihre Eindrücke zu einem ganzen Kosmos verdichtet.

Alltag wird Kunst


Jo Magrean hat sich die Gesichter seiner Künstler-Kollegen ganz genau angesehen und in seinen Fotos harten Konturen nachgespürt, die bei den Auftraggebern in der Werbung meist nicht erwünscht sind. Mit einem offenen Blick für Alltägliches hat er Gießkannen ins rechte Bild gesetzt oder sich - im wahrsten Sinne des Wortes" ein Bild vom Frühstücksteller des Tischnachbarn gemacht. "Ob ich die aber auch ausstelle, weiß ich jetzt noch nicht", sagt der Fotograf.

Die große Ausstellung zum Abschluss der Kunstdingertage (heuer am Samstag, 2. Juli, ab 16 Uhr) ist der Höhepunkt des 14-tägigen Symposiums, das heuer auf die bereits angekündigten Künstler Urs Stadelmann und Martin Politowski verzichten musste. Auch Pomona Zipser, die im vergangenen Jahr ein rästelhaftes Kästchen konstruierte, hat abgesagt. "Als freischaffender Künstler kann man nicht auf so tolle Aufträge wie die Gestaltung einer Riesenskulptur in einem englischen Park verzichten", entschuldigt sie der Gastgeber.

Unverzichtbar sind für ihn dagegen die Nachbarn in Pertolzhofen als Kooperationspartner: "Der eine hilft, wenn die Klo-Türe nicht mehr aufgeht und die Kettensäge geschliffen werden muss. Der andere stellt sein W-LAN zur Verfügung und seinen Kopierer. Das ist einfach toll", schwärmt Künstler Herrmann, der gleichzeitig Kunstvereinsvorsitzender in Pertolzhofen ist. Immerhin "um die 100 Mitglieder" zählt der Verein, der auch Träger des Künstlertreffens ist laut Herrmann. Das Motto in diesem Jahr ist nicht gerade kurz: "Die Wege des Wassers, der Baum der Erkenntnis, der Apfelbaum".

Vielleicht ist es Erkenntnis, die durchsickert, wenn jemand in Jürgen Palmtags Klang-Komposition Ton-Elemente wiederfindet, die beim Dachdecken aufgenommen wurden oder bei den Proben der Pertolzhofener Nachwuchsband. Virtuelle Instrumente, das Klappern eines Notenständers oder Atemgeräusche finden Eingang in Palmtags "Hörspiele mit Musik", von denen es beim Abschlussfest am 2. Juli ebenfalls eine Kostprobe gibt. Improvisation ist da gefragt. Weil der Experimentalmusiker aber auch Bildender Künstler ist, sucht er Inspiration in der Umgebung und radelt einfach mal so zum Böhmerwald-Aussichtsturm. Den Ausflug hält er in einer Art Comic-Zeichnung fest - und auch wenn da Erkennbares durchschimmert, der Turm muss nicht dazugehören.

Schwebender Stahl


Willi Weiner hat seine Skulpturen bis Samstag noch stärker in Pertolzhofen angedockt: Ein realer Apfelbaum wird zum Anker für eine Inselgruppe aus Stahl, für ein "schwebendes Wasser in Nachtblau" oder "verästelte Wasser". Und die Schluchtenlandschaft ist passgenau für den Mini-Betonberg konstruiert, den ein Vorgänger im Garten hinterlassen hat. "Aber er funktioniert auch als Einzelstück genauso toll", verspricht der Künstler potenziellen Interessenten und rät zum Aufhängen der Landschaft an dünnen Stahlseilen.

Ein Gläschen für die Kunst


Zum großen Finale der Kunstdingertage am 2. Juli gibt es einen ganz besonderen Tropfen: Altbürgermeister Rainer Eiser hat einen Ballon Rotwein aus dem Bordeaux spendiert, der in Flaschen gefüllt und mit einem ganz speziell für das Abschlussfest mit Ausstellung kreierten Etikett versehen wurde.

"Wer die Flasche für 11 Euro kauft, spendet damit auch Geld für den Kunstverein, erklärt Vorsitzender Heiko Herrmann. Auf dem Etikett abgebildet ist eine Bleistiftzeichnung, die heuer als "Jahresgabe" auch an die Vereinsmitglieder geht. "Alleinreisender, sozusagen unbegleiteter ,aber gut gelaunter jugendlicher Armutsimmigrant" lautet der Titel dieses Werks von Franz Burkhardt.

Jahresbilanz im Kunstverein


Der Kunstverein von Pertolzhofen tagt am Samstag, 2. Juli, bereits um 14 Uhr im Garten des Alteliers von Heiko Herrmann. Es stehen bei diesem Termin auch Veränderungen im Vorstandsgremium an. Deshalb werden zu Rückblick und Ausblick auch Neuwahlen auf der Tagesordnung stehen.

Lieblingsorte in Pertolzhofen


Fotograf Jo Magrean hat mit seiner Kamera eine ganze Reihe von Lieblingsorten oder -objekten eingefangen. Die Wahl von "Kunstdingertage"-Gastgeber Heiko Herrmann ist dabei auf ein "tragbares Lagerfeuer" gefallen, das aus einer Waschmaschinentrommel entstanden ist und sicher auch beim Abschlussfest am Samstag, 2. Juli, (ab 16 Uhr) zum Einsatz kommen wird. Für den musikalischen Rahmen hat Herrmann die Pertolzhofener Blasmusik engagiert, Führungen durch die Ausstellung sind für 18 und 19 Uhr geplant.
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