Vom Suchen und Finden

Nur zur Vernissage öffnet sich die Tür zum Kunst-Container. Normalerweise müssen Interessierte mit einem Blick durchs Fenster vorlieb nehmen. Links das "Archiv", neben der Tür die "Begierde", oben rechts die "Depression" und im Vordergrund das bewegliche Objekt mit dem Titel "Der Angst vor der Angst ins Ruder greifen".
Kultur
Niedermurach
07.10.2016
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Bei der Vernissage gab Künstler Tone Schmid (rechts) auch Einblick in seinen Arbeitsprozess. Die Mitglieder des Kunstvereins (von links) Josef Eckl und Heiko Herrmann konnten einen Teil der Objekte vor Ort auch in Bewegung sehen. Bilder: Bugl (2)

Schwarze Plastikrohre schwingen in schwer zu entwirrenden Loops durch den Raum. Knirschend mahlen steinerne Kiefer, und ein halber Puppenkörper scheint mitten in der Bewegung inne zu halten. Alle sind sie Teil einer Wohngemeinschaft auf Zeit in der "Kunsthalle Pertolzhofen".

-Pertolzhofen. "Geschlossene Gesellschaft" lautet der Titel der jüngsten Ausstellung im Kunst-Container von Pertolzhofen. Hier wohnen bis Ende Februar die Objekte des Weidener Künstlers Tone Schmid. Schrott und Sperrmüll haben ihm das Material geliefert, ein Blick auf die Gesellschaft hat die Ideen beigesteuert.

Wie eine Fliege


Wie ein Schatzsucher ist Schmid unterwegs, auf der Jagd nach Puzzleteilen für etwas, das erst in nicht alltäglichen Kombinationen neuen Sinn ergibt. Im Müll-Container hat er die schwarzen Rohre entdeckt, die alle die gleiche genormte Biegung gemeinsam hatten. Jetzt ist Kunst daraus geworden, eine Skulptur, die sich Dank Federung auch ein Stück weit durch die Luft schwingt. "Wie eine Fliege, die eine Linie in den Raum zeichnet", so der Vergleich von Künstler Schmid. Aus einer Porzellanfabrik stammen die hölzernen Kisten, die umgedreht gestapelt einem neuen - oder gar keinem Zweck mehr dienen. "Archiv" lautet der Titel dieser Zusammenstellung. Fast schon ein fertiges Kunstwerk hat Schmid in einer Plastik-Recyclingfirma im Urlaub in Dänemark entdeckt: Die erstarrte weiße Masse heißt jetzt "Justitia" und verdankt ihren Namen der Assoziation mit einer Augenbinde - übliches Sujet für die Göttin der Gerechtigkeit.

Ein großes zusammengequetschtes Stück Schaumstoff macht eine "Depression" sichtbar und hat dabei ein Werk aus Feldsteinen, rostigem Eisen und altem Holz im Visier. "Der Angst vor der Angst ins Ruder greifen" würde auf der Visitenkarte dieses Gastes stehen. Ein paar Meter weiter ist an der Wand ein "Restart" angesagt, wenn alte Knochen sich mit einem Skateboard liieren.

Im Haifisch-Pool


Schnelllebigkeit, Burnout oder Missbrauch sind die ernsten Seiten dieser auf den ersten Blick lustigen Gesellschaft. "Gerade die Anforderungen der Gesellschaft werden uns in Zukunft noch viel mehr beschäftigen", prophezeit Schmid. Vieles kennt der Künstler auch aus eigener Erfahrung. "Der Kunstmarkt ist ein Haifisch-Pool, da ist niemand gegen einen Burnout gefeit", gibt er zu bedenken. Und auch wenn sein Material kaum etwas kostet, ein Lager braucht es allemal.

"Je größer der Fundus, desto reicher der Ideen-Schatz", erklärt Schmid. "Es erfüllt mich mit Freude, etwas aus Sachen zu machen, die für viele nun Glump sind", berichtet der Künstler, der seinen Werke am liebsten per Mechanismus in Bewegung setzen will. Und was kommt zuerst, Fundstück oder Idee? "Schöner ist es, wenn man findet", meint Schmid. "Oft sucht man aber etwas und findet dann etwas ganz Anderes, von dem man gar nicht wusste, dass man es sucht."

Die Ausstellung "Geschlossene Gesellschaft" im Container am Bayerisch-böhmischen Freundschaftsweg ist noch bis 28. Februar über Fenster rund um die Uhr einsehbar. Wer einen Teil der "Gäste" in Bewegung sehen will, kann via Youtube einen Blick auf das Werk des Oberpfälzer Künstlers werfen.
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