Fahrplan in den Tod

Dieses Gedenkblatt für den Gefallenen Joseph Böhm, auf der Basis einer Zeichnung, ist ein Vordruck. Gleiches gilt für die Unterschrift von König Ludwig III. (rechts). Geändert wurden nur die Daten des Gefallenen. Repro: boj (3)
Lokales
Niedermurach
14.11.2014
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Als im Herbst 1914 die Ernte anstand, fehlten in Niedermurach wichtige Arbeitskräfte. Einer von ihnen war Joseph Böhm. Wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs traf die Nachricht vom Tod des 34-Jährigen ein. Er war nicht das erste Opfer aus der Gemeinde.

Nicht anonym, sondern wie ein aussagekräftiges Dokument zeigt sich das alte Kriegerdenkmal im Friedhof Niedermurach. Es trägt die Namen aller Soldaten aus der Pfarrei, die vor 100 Jahren bei der europäischen Tragödie des Ersten Weltkriegs ums Leben kamen. Welch großes Leid sich hinter jedem Namen verbirgt, kann man nur erahnen. Wer einen Namen herausgreift und nachforscht, kommt den Folgen für einen überschaubaren Bereich der Pfarrei näher - und den Schrecken in einem relativ kleinen Frontabschnitt.

Mit der Verhängung des Kriegsrechts am 31. Juli 1914 und der allgemeinen Mobilmachung war Deutschland im Krieg. Am ersten Mobilmachungstag, 2. August 1914, traten für die Bevölkerung zahlreiche Anordnungen, Aufforderungen, Beschränkungen und Verbote in Kraft, für deren Missachtung schwere Strafen angedroht wurden. "Es wird der patriotischen Gesinnung der Bevölkerung vertraut, dass sie die Anordnungen befolgt und die Behörden bei deren Ausführung tatkräftig unterstützt", so stand es in der "Grenz-Warte" vom 1. August 1914.

Euphorie in Grenzen

Die in historischen Berichten oftmals gezeigte Euphorie und Kriegsbegeisterung zu Beginn der Mobilmachung war mehr in besseren Gesellschaftskreisen der Städte verankert als bei der ländlichen Bevölkerung. Die stark landwirtschaftlich geprägten Dörfer, wie eben auch Niedermurach, spürten die Auswirkungen sofort, wenn die leistungsfähigen jungen Männer gerade zur Haupterntezeit zu den Waffen gerufen wurden. Damit ein zügiger Transport der Einberufenen zu ihren Einheiten gewährleistet war, erstellte die Bahn spezielle Militär-Lokalzug-Fahrpläne. Einen solchen gab es auch für die Lokalbahn Nabburg-Schönsee. Vom 4. August 1914 an verkehrten täglich drei Züge von Schönsee nach Nabburg und wieder zurück. Abfahrt vom Bahnhof Niedermurach in Richtung Nabburg war früh um 4.34 Uhr, vormittags um 10.34 Uhr und nachmittags um 16.34 Uhr. Mit der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich, am 3. August 1914, bewegten sich die deutschen Truppentransporte überwiegend in Richtung Frankreich.

Neben anderen Männern aus der Gemeinde und der Pfarrei Niedermurach war auch der Landwehrmann (erstes Aufgebot) Joseph Böhm mit dabei. Er gehörte der 7. Kompanie des Königlich-Bayerischen 6. Infanterieregiments an. Die Landwehr bestand aus Männern, die aktiv gedient hatten und schon etwas älter waren. Man unterschied zwischen Landwehr im erstem Aufgebot und im zweiten Aufgebot. Im Kriegsfall wurden die Mannschaften der Landwehr im ersten Aufgebot in der Regel der Infanterie zugeteilt.

In Richtung Verdun

Verdun und das französische Maasland lagen an vorderster Front und waren heftigst umkämpft. Mit dem deutschen Vorstoß im September 1914 in Richtung Festung Verdun wurde zunächst der Saint-Mihiel-Bogen erobert, ein Gebiet zwischen Metz und Verdun, in dem es zu äußerst mörderischen Zusammenstößen kam. Im Oktober 1914 gab es weitere schwere Kämpfe in den Argonnen um einen von den Deutschen besetzten Beobachtungspunkt. Nach den ersten Nachrichten von gefallenen Soldaten war es vorbei mit der Kriegsbegeisterung. Die betroffenen Familien schenkten den von der Kriegspropaganda geschönten Berichterstattungen und optimistischen Erfolgsmeldungen keinen Glauben mehr, denn die Realität sah anders aus.

Die Angst der Menschen daheim um das Leben ihrer Ehemänner, Väter und Söhne war allgegenwärtig, denn die Todesnachrichten häuften sich. Von August bis Oktober 1914 waren aus der Pfarrei Niedermurach bereits acht Männer gefallen. Unter ihnen auch der Landwehrmann Joseph Böhm, der am 15. Oktober in der Nähe von Saint-Mihiel sein Leben lassen musste.

Drei Kinder vaterlos

Joseph Böhm war 34 Jahre alt und hinterließ eine Witwe mit drei unmündigen Kindern, wobei seine jüngste Tochter gerade mal vier Wochen alt war. Ein hartes Schicksal wurde der Familie auferlegt, an dem sie noch Jahrzehnte zu tragen hatte.

Mit einem Gedenkblatt - in der Größe von 64 mal 57 Zentimeter fast schon ein Plakat - versuchte die Obrigkeit, durch die Ehrerweisung an den Gefallenen, den Familien eine gewisse Anerkennung und Wertschätzung zu vermitteln. Ob es den Hinterbliebenen geholfen hat, ist mehr als fraglich.

Das Schicksal der Familie Böhm ist ein Beispiel für Millionen von Familien auf allen Frontseiten, denen es so oder ähnlich erging. Gerade um Verdun und Saint-Mihiel tobten die heftigsten Kämpfe mit Hundertausenden Toten, ohne dass nennenswerte Geländegewinne erzielt wurden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, am 11. November 1918, hatten fast zehn Millionen Soldaten ihr Leben verloren.

Aus der Gemeinde und der Pfarrei Niedermurach waren insgesamt 40 Soldaten gefallen, 5 wurden vermisst. Michael Zimmermann aus Schlotthof starb 1920, als der Krieg längst beendet war - an den Spätfolgen eines Giftgas-Angriffs. Auch er hat einen Platz auf dem Denkmal erhalten.
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