"Kunstdinger" im Aufbruch

Heiko Herrmann (Mitte, im grünen Hemd) darf als erster das rätselhafte Kästchen von Pomona Zipser öffnen. Von Pertolzhofen wandert es samt Inhalt in eine Münchner Galerie. Bilder: Bugl (3)
Lokales
Niedermurach
10.07.2015
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"Wer wagt es, das Geheimnis zu lüften?", fragt Pomona Zipser in die Runde. Ein überraschtes "Oh" ist zu hören, als sich der Deckel an dem seltsamen Nachtkästchen öffnet. "Da hätte ich jetzt eher an Schokolade gedacht", gesteht eine Atelier-Besucherin, die zur Ausstellung nach Pertolzhofen gekommen war.

Die Ausstellung im und rund um das Atelier von Künstler Heiko Herrmann ist das fulminante Finale der "Kunstdingertage." Acht Künstler zeigen dort im dörflichen Pertolzhofen, wie weit die Kreativität in 14 Tagen trägt. Und bei der Feier im Garten des Ateliers ist die Pertolzhofener Blaskapelle ein ernstzunehmender Konkurrent in Sachen Kreativität.

"Hunderl auf der Flucht"

Die große, rostfarbene Skulptur von Will Weiner harmoniert perfekt mit dem grünen Rasen vor dem Atelier. Rosten, aber nicht verrosten soll die "vage Säule", das hat der Hersteller des Blechs laut Künstler garantiert. "Haben Sie das wirklich in 14 Tagen geschafft?", fragt Bürgermeister Martin Prey den Künstler. Das hat er, und mit seinen Schweißkünsten habe er sogar den Nachbarn überzeugt, bestätigt Hausherr Herrmann. Ein paar Meter weiter landen Pflastersteine in hohem Bogen auf dem Gelände. Martina Benz hat sich an dem harten Granit aus einem Steinbruch der Umgebung abgemüht und ein Sinnbild der Erleichterung geschaffen. "Hunderl auf der Flucht", kommentiert der Gastgeber das Werk und erinnert an das Motto der 22. Kunstdingertage: "Abbruch - Aufbruch."

Empfindlicher sind die auf traditionelle japanische Papierrollen gebannten Einfälle von Mariko Saito. Sie macht Schluss mit allzu viel Tradition und setzt mit schwarzer Tinte moderne Schwerpunkte. Von zart skizzierten Bäumen oder hässlichen Schlafzimmerbildern bleibt nur ein kleiner Rest Erinnerung. "Sie fängt immer mit Farbflecken an, weil sie als Kind immer viel die Wände angeguckt hat", erklärt Fotograf Jo Magrean, der mit Verspätung zu der Runde gestoßen ist. Dafür hat er seine "Hausaufgabe" gemacht und Fotos von der Reise Paris-Pertolzhofen mitgebracht. Exakt jede Stunde hat er das fotografiert, was ihm vor die Nase kam - auch das Pissoir. "Eine interessante Erfahrung, sich das Motiv mal nicht selbst auszusuchen, aber auch eine Strafarbeit", gesteht er.

Auch Reinhard Zabka hatte Hilfe bei der Gestaltung seines "Museums der fragwürdigen Dinge". Skurril, was sich alles aus Pertolzhofener Haushalten zusammentragen lässt: Monstranz-Bohnen, Flaschen mit einer Kreuzigungsszene als Inhalt oder das "Krusch-Nudelholz", das der Künstler über dem Eingang zu dem winzigen Abteil des Schuppens dekoriert hat. Urs Stadelmann, der früher abreisen musste, hat eine Schar Tonfiguren hinterlassen, die als "Überbringer des Glücks" einen Platz im Atelier gefunden haben. Kurz angebunden ist Heiko Herrmann bei der Führung durch die Ausstellung, wenn es um seine eigenen Werke geht. "Farbe auf Leinwand", sagt er und stellt klar: "Man soll Bilder nicht mit den Ohren anschauen."

Überraschung

Und zum Schauen gibt es viel an diesem lauen Sommerabend mit großer Malerei, feinen Details und einem seltsamen Kästchen, das im Innern schließlich ein paar Schnapsflaschen vor dem Bild einer Zigeunerin offenbart und sogar noch eine weitere Schublade mit allerlei seltsamen Gegenständen. Das kommt davon, wenn man die im Schreinerhandwerk üblichen Pfade verschmäht und sich lieber auf Umwegen einem sinnvollen Gebrauchsgegenstand nähert. "Ding" sagt man zu so etwas, das man nicht genau einordnen kann, das hat der Bürgermeister bei der Ausstellungseröffnung erklärt. Im Fall von Kunst ist es ein "Kunstding", und davon wünscht er sich für Pertolzhofen noch ganz viele.
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