O Brouder! Daou stabts!

Einfach mal reinhören. Alois Gillitzer ist Teil des sprechenden Sprachatlas. Bild: Götz
Lokales
Niedermurach
03.01.2015
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Die Sippschaft fliegt raus, genauso wie das Gspusi. Das Oberviechtacher Dialektforum ist streng. Findet Christa Zapf einen Begriff im Wahrig (Wörterbuch), handelt es sich um kein originäres Dialektwort mehr. Es hat im späteren Wörterbuch über die Oberviechtacher Mundart nichts zu suchen.

An diesem Wörterbuch wird seit 18 Jahren kontinuierlich gearbeitet, einen Anspruch auf Vollständigkeit will der Vorsitzende Dr. Ludwig Schießl aber auch dann nicht erheben, wenn es 2022 fertig sein soll. Dieses Erscheinungsdatum fixiert er an. Dann wurde genau 25 Jahre Dialektforschung betrieben. Hintergrund der vielen Arbeit von 10 bis 15 Leuten ist es nicht, auf Gedeih und Verderb Wörter zu revitalisieren, denn Sprache unterliegt einem stetigen Wandel, sondern vom Aussterben bedrohte Ausdrücke zu dokumentieren und der Nachwelt zu erhalten. Die Wörter sind nach den Worten Schießls auch Zeugen des kulturellen Erbes und haben demnach kulturhistorische Bedeutung.

Die 121. Sitzung

Es ist an diesem nasskalten Dezemberabend die 121. Sitzung des Oberviechtacher Dialekforums beim Gillitzer in Niedermurach. Anfangs traf sich die Gruppe im "Eisenbarth-Stüberl" in Oberviechtach. Nach dem Tod des Wirts hat seit 2003 das Dialektforum beim Gillitzer in Niedermurach ein Dach über dem Kopf. Auch Alois Gillitzer gehört zum Arbeitskreis.

Die Regeln für die Sitzungen sind klar, da bedarf es nicht vieler Worte, die Regeln fürs Schreiben im Dialekt weniger. Schießl hat seine eigene Schreibschrift entwickelt, fragt aber doch hin und wieder: "Wie schreib' i des?" Auf Karteikarten wird der Begriff und die Bedeutung festgehalten. Schießl wirft Ausdrücke in die Runde: "Daou rauchts im Karton", "eispoicha", "ãfspoicha", "naou der Zwerch". Schon beginnt eine lebhafte Diskussion. Wem ist der Ausdruck geläufig? Was bedeutet er? Gar nicht so einfach. Jeder kennt die Begriffe, jeder weiß, was gemeint ist, aber die Erklärung auf hochdeutsch bereitet oft erhebliche Probleme. Und dann macht noch die Betonung einen gewaltigen Unterschied. Genaues hinhören ist wichtig. Schnell wird aus der Feststellung "daou stabts" im Handumdrehen eine Drohung. Keineswegs nett gemeint ist "oin eidredn", aber wie beschreibt man es am besten einen Fremden. Mobben lautet ein Vorschlag aus der Runde, stößt auf wenig Gegenliebe und Schießl notiert letztendlich "Schaden zufügen" auf der Karteikarte.

Was ist mit der Schwester

"O Brouder!" ruft er und alle schauen. Er ist nicht erstaunt, sondern will den Begriff einführen. Wieder wird um eine treffende Erklärung im Hochdeutschen gerungen. "O Schwester gibt's nicht." Der Einwurf reizt zum Schmunzeln, hat aber durchaus einen tieferen Sinn. Warum kennt der Dialekt nur "O Brouder". Eine Erklärung gibt es dafür zumindest an diesem Abend nicht. Rund eineinhalb Stunden dauert eine Sitzung, dann reicht's, denn anstrengend ist Dialektforschung durchaus. Etwa 40 Begriffe werden an einem Abend "durchgekaut". Schießl schnappt zum Beispiel bei Gesprächen auf.

Eines fällt auf, die Wörter und Ausdrücke kreisen um Haushalt, Landwirtschaft, Körper und Natur. Viele, oft recht derbe, jedoch auch pointierte und fein nuancierte, dienen zur Charakterisierung von Personen - für Schießl völlig logisch. "Die Menschen haben sich gut gekannt, sie kamen aus ihren Orten nur schwer raus, dementsprechend wussten sie von den Eigenheiten der Dorfbewohner. Dann wurde natürlich auch noch viel geratscht und getratscht." Deshalb will er das Wörterbuch auch nach Sachgruppen und nicht alphabetisch ordnen, was die Arbeit nicht leichter macht. Er bewundert die Komplexität des Dialektes auf der einen Seite und stellt die Enge auf der anderen heraus. "Im Dialekt ist kein Abstraktum zu finden." Bruttosozialprodukt hat nicht einmal eine dialektale Färbung. (Hintergrund)
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