Festival "Nittenau Vocal"
„Liebster, was tatest du mir!“

Kultur
Nittenau
30.05.2016
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Von Reinhold Tietz

Nittenau. Beginnt die Veranstaltung jetzt um 19.30 oder erst um 20 Uhr? In den Ankündigungen waren verschiedene Zeiten genannt. Prof. Kurt Seibert gibt den zu früh gekommenen Informationen über das Max-Reger- Forum, welches das Gedenken an den großen Komponisten in den Städten Leipzig, Berlin, Bremen und eben Nittenau speziell fördert. Besonders erwähnt er das "Klavierquintett c-moll", das Reger 1897/98 in Wiesbaden geschrieben hat und das "völlig unverdient in völlige Vergessenheit geraten ist".

Inzwischen hat sich das Foyer des Rathauses mit Besuchern gefüllt und Prof. Hanns- Martin Schreiber von der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig weist darauf hin, dass die schwierigen Werke von Reger dem Publikum umso dringlicher nahegebracht werden müssten. Reger hat 310 Lieder geschrieben, von denen sehr viele unbekannt blieben. Umso verdienstvoller ist es, dass an diesem Konzertabend Lieder von Reger vorgetragen werden.

Ruhig und innig


Zuerst gestalten Benedikt Eder (Bariton) und Katharina Khodos (Klavier) die "Sechs Lieder für mittlere Stimme mit Begleitung des Pianoforte" op 35 in der ruhigen und innigen Weise, die von Themen wie "Der Himmel hat eine Träne geweint" (Friedrich Rückert), "Traum durch die Dämmerung" (Otto Julius Bierbaum) oder "Du liebes Auge" (Otto Roquette) verlangt werden. Ferner gelingen auch die reichhaltigen Gelegenheiten, Stimmungen im Gesang genau darzustellen und auf dem Klavier eindrucksvoll zu unterstützen. Es folgen die "Acht Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte" op 43, die Josephine Renelt (Sopran) und Mayuko Obuchi (Klavier) vorstellen.

Auch hier gibt es ruhige Darstellungen, aber ebenso aufregende Themen, die von der Sängerin mit großer Stimme und von der Pianistin mit gesteigerter Virtuosität vorgetragen werden. Wenn "Die Betrogene spricht" (Anna Ritter), wird sie bei der Aussage "Liebster, was tatest du mir!" sehr heftig. Selbst die Beschwörung "Sag es nicht, geliebtes Herzchen" (Oskar Wiener) ist lebhaft vorzutragen, um die Wirkung zu steigern.

Beide Liedfolgen hinterlassen bei den Zuhörern eine tiefe Wirkung. Die vier Studierenden der Musikhochschule München haben sie mit ihrer Leistung überzeugt. Nach der Pause folgt das "Klavierquintett c-moll". Erst 1922, also sechs Jahre nach dem Tod Regers wird es in Düsseldorf uraufgeführt. Nun spielt es das "Lipsia Quartett", vier Studierende an der Musikhochschule Leipzig.

Wilde Kombinationen


Den Klavierpart übernimmt Seibert. Lebhafte Unruhe, die durch die Vorschrift "Agitato" schon gefordert ist, prägt die Interpretation des Anfangssatzes. Selbst bei ruhigen Zwischentakten ist der nächste Ausbruch wilder Tonkombinationen nicht weit entfernt. Leicht beschwingt und fast schwerelos zeigt sich das folgende "Intermezzo. Andantino con grazia". Ein Satz, der beweist, dass Reger auch lockere Momente graziös musikalisch darstellen kann, nicht nur musikalische Gedanken in schicksalhafter Schwermut.

Auch der nächste Satz, ein "Adagio con variazioni. Cantabile", präsentiert ein Thema in fein abgestimmter Gesanglichkeit. Die Variationen bringen dazu eindringliche neue Tongefüge. Komplizierter das "Finale. Presto (ma non tanto - à la Capriccio)". Ruhelos eilt es dahin, zwar nicht zu schnell, aber eben kapriziös infolge ständiger Einwürfe der Streicher oder Akkorde des Klaviers, das eine riesige Tonfülle bewältigt. Wenn man das Engagement der Ausführenden bewundert, merkt man, wie sehr dieses Werk sie beeindruckt.
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