Bomben im Kopf entschärfen

Neben den Ehrengästen war die Teilnahme an der Gedenkfeier vielen Menschen in der Umgebung ein Anliegen. Bild: sir
Lokales
Nittenau
11.11.2015
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Zygmunt Marzec ist im Alter von 21 Jahren hingerichtet worden. Die Geschichte des polnischen Zwangsarbeiters bewegt. Deshalb gab es nun eine Gedenkfeier, zu der Ehrengäste, Verwandte und Initiator Franz Probst kamen.

Sie trafen sich in einem Waldstück bei Bodenstein, an der Stätte, wo für Marzec vor drei Jahren bereits ein Holzkreuz errichtet worden war, das nun durch einen Granitstein ersetzt wurde. "Holz ist in seiner Haltbarkeit begrenzt, das harte Granitgestein dagegen dauerhaft", betonte Bürgermeister Karl Bley. Denn die Erinnerung an Marzec soll dauerhaft aufrechterhalten werden. Das Gedenken soll eine Mahnung sein, so das Stadtoberhaupt. Gerade in der heutigen Zeit, wo Tausende Menschen vor Krieg und Gewalt fliehen.

Keine Prozess, kein Urteil

Was war damals passiert? Thomas Muggenthaler, Autor von "Verbrechen Liebe", ging der Geschichte auf den Grund. An der Stelle, wo heute der Gedenkstein ist, wurde Marzec durch den Galgen hingerichtet - ohne Prozess und ohne Urteil. Der damals 21-jährige polnische Zwangsarbeiter hatte sich in ein deutsches Mädchen verliebt. Als rassisch minderwertig gegolten haben die Polen, "Menschen zweiter Klasse", äußerlich gekennzeichnet durch ein "P". Marzec wurde zunächst von Bodenstein nach Flossenbürg gebracht. Schwer misshandelt gelangten er und ein weiterer Pole nach Nittenau. Marzec wurde nach Bodenstein gebracht, wo er hingerichtet wurde. Sein Landsmann erlitt in Deggendorf denselben schrecklichen Tod.

Landrat Thomas Ebeling sprach von einer wichtigen Geste des Gedenkens, auch 70 Jahre nach den Verbrechen. Sein Dank galt denen, die den Gedenkstein errichtet haben, sein Mitgefühl den Angehörigen. Leo Feichtmeier, Pfarrer in Ruhe, spendete den kirchlichen Segen. Er, Jahrgang 1933, sei Zeitzeuge gewesen: "Vieles, was wir damals erlebt haben, ist wieder lebendig geworden", machte er auf die Entschärfung der Bombe vor kurzem in Regensburg aufmerksam. Das Elend wirke immer noch nach. So wie es die Bomben in der Erde gebe, gebe es noch Bomben in den Köpfen, die entschärft werden müssten.

"Marzec können wir nicht mehr ins Leben zurückrufen, aber seine Ehre wieder herstellen", betonte der Geistliche. Denn ein christliches Begräbnis sei ihm damals verwehrt worden. Die Segnung sei auch Ausdruck von Protest gegen Unterdrückung. Feichtmeier lud alle Anwesenden ein, den Gedenkstein ebenfalls mit Weihwasser zu besprengen.

Die polnischen Anwesenden sprachen das Vaterunser und das Avemaria in ihrer Landessprache. Beide Gebete wurden danach auf Deutsch gesprochen. Marek Melson umrahmte die Gedenkfeier musikalisch. Tief bewegt verfolgte die Trauergemeinde, wie die Angehörigen Ryszard Ziembinski, Barbara Dudkowski, Barbara Róg, Halina, Dariusz und Aneta Paramiak sowie Maria Ziembinska einen Kranz und Blumen am Gedenkstein niederlegten.

Aller Opfer gedacht

Ryszard Ziembinski verlas auf Polnisch das Evangelium vom auferweckten Lazarus. Barbara Dudkowski übersetzte es und sagte: "Es ist schrecklich, dass du so sinnlos sterben musstest." Selber Mutter von Söhnen erachtete sie den Schmerz von Marzecs Mutter als unvorstellbar. Außerdem gedachte sie all derjenigen, die Opfer dieses sinnlosen Kriegs geworden sind, unabhängig von der Nationalität. Es gebe Menschen in Nittenau, die nicht vergessen haben und die ihrem Gewissen folgen. Abschließend dankte Franz Probst allen, die sich in irgendeiner Weise für das Gedenken verdient gemacht und daran teilgenommen haben.
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