Ein Fließband des Todes

Lokales
Nittenau
30.01.2015
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Die Schrecken an diesem Ort sind der Inbegriff des schlimmsten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte. Umso wichtiger ist es, dass sich auch heute junge Menschen mit dieser unfassbaren Materie auseinander setzen. So wie die Schüler in der Stadt am Regen.

Seit Jahren widmet sich das Regental-Gymnasium (RTG) dem Gedenken an den Holocaust und bedient sich dabei verschiedener Gestaltungsmöglichkeiten. Heuer jährte sich die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zum 70. Mal.

Die Schüler der zwölften Jahrgangsstufe setzten sich in ihrem W-Seminar Musik/Geschichte auf ihre Weise mit dem Schrecken auseinander. Die Ergebnisse wurden am Dienstagabend in der Aula des RTG der Öffentlichkeit präsentiert. Schulleiterin Petra Weindl wies darauf hin, dass Auschwitz das Symbol schlechthin für den Holocaust sei. Heuer, da sich die Befreiung des Lagers zum 70. Mal jährt, handle es sich vielleicht um den letzten großen Gedenktag mit den Zeitzeugen. Jedem, der zuhöre, müsse bewusstwerden, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Durch das Bewahren der Erinnerung würden diejenigen, die zuhörten, ebenfalls zu Zeitzeugen.

Begreifen kaum möglich

"Auschwitz. Eine musikalische Annäherung - 70 Jahre danach" war diese Gedenkveranstaltung betitelt, die in Zusammenhang mit dem Volksbildungswerk Nittenau stattfand. Lehrer Peter Poth, neben Dr. Wolfgang Wagner einer der Betreuer des Seminars, sagte, dass ein Begreifen kaum möglich, die Wunde immer noch offen sei. Die 100 Gedenkveranstaltungen weltweit schufen eine gemeinsame Basis. Entschieden sprach sich Poth gegen Bewegungen unserer Zeit aus, die Menschen als "Viehzeug" und "Dreckspack" bezeichneten, wo Menschen ausgegrenzt und herabgewürdigt würden von denjenigen, die meinten, das Abendland zu retten.

Die Schüler beschrieben das Mengele-Mahnmal, das an die Opfer dieses grausamen und skrupellosen KZ-Arztes erinnert, berüchtigt auch für seine Forschungen an Zwillingen. Die Stolpersteine von Gunter Demnig lassen mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern. Eine Woche lang besuchten die Schüler per Studienfahrt das KZ Auschwitz-Birkenau, sammelten Eindrücke vor Ort. Dies geschah per Führung, eigene Vertiefung, den Austausch und mit Gesprächen.

Die direkte Konfrontation führte dazu, die Lage der Häftlinge zu erahnen. Ihre Ängste, das Erleben von unvorstellbarem Grauen und auch ein kleiner Funken Hoffnung mit Überlebenswillen zeichneten sich ab. Festgehalten wurde dieses eigene Erleben in Bildern: das Eingangstor, die Gleise inmitten von sattem Grün und der elektrisch geladene Stacheldrahtzaun, der die Gedanken an Flucht zunichtemachte. Erschütternde Erkenntnisse machten sich bei den Schülern breit. Gezeigt wurden die Todeswand, die Todesrampe sowie der Innenraum einer Baracke. All das ließ erahnen, was die Menschen hier durchgemacht haben, unterstrichen durch Zitate von Überlebenden.

Frage nach den Tätern

"Stumme Zeugen reden", luden die Gäste dazu ein, sich selber Gedanken zu machen angesichts von Koffern, Brillen, Schuhen und dem gesprengten Krematorium. "Eine negative Energie geht von diesem Ort aus", stellte ein Schüler fest, der sich in die Lage der Verurteilten hineinversetzte, die zur Todeswand gezerrt wurden, nacheinander, "wie ein Fließband des Todes". Ihre Gefühle hatten einige der Seminaristen in musikalische Eigenkompositionen geäußert. "Was ist mit den Tätern, die vielleicht noch leben, ohne dass dies bekannt ist?" Die Verbrechen der Nazis und die NS-Zeit mit Rassismus wurden angeprangert, die dann Zuhörer direkt angesprochen, im Hinblick darauf, dass dies nicht mehr geschehen dürfe: "Nie mehr sollen Millionen sterben". In der nächsten Komposition "Dream" wurden die Gedanken der Häftlinge vorgestellt, ihre Ängste, die Gefahr erschossen zu werden, unauffällig zu sein, der Überlebenswille und der kleine Funke auf Befreiung.

Ein Stück Hoffnung

Ein weiterer musikalischer Beitrag beschäftigte sich mit den Sinti, Roma und den Juden, unterschiedliche Gruppen, die durch das gemeinsame Leid verbunden waren. Dargestellt wurden die Stationen einer Deportation, die die Zuhörer akustisch miterlebten: Ängste, Verblendung der Deportierten, Entsetzen und Fassungslosigkeit bis hin zum Schmerz. Peter Poth verband in seinem Schlusswort das Aufrechterhalten der Erinnerung an diese Schreckenszeit mit der Hoffnung, dass die Welt ein Stück menschlicher werde.
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