Gräuel und Schikanen

Ernst Grube sprach vor Gymnasiasten über seine Kindheit und Jugend in der Zeit des Nationalsozialismus. Bild: sir
Lokales
Nittenau
21.10.2015
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Geschichte bekommt vor allem dann ein Gesicht, wenn Zeitzeugen berichten. Ernst Grube, Jahrgang 1932, tat genau das vor den Schülern des Regental-Gymnasiums.

Die Mutter des Referenten stammte aus einer jüdischen Familie in Hessen. Der Vater, ein Nichtjude, war kommunistisch orientiert. Ernst Grube selbst lebte in München-Schwabing, mit den Eltern und seinem drei Jahre älteren Bruder und einer sechs Jahre jüngeren Schwester, als sich nach der Machtergreifung der Nazis das Leben änderte. Ausgrenzungen von Juden und Minderheiten wie Sinti und Roma sowie von Behinderten folgten.

Immer mehr Druck

Grube zeigte ein Bild von einer Synagoge in der Innenstadt, die zunehmend nicht nur ein Bethaus war, sondern auch so etwas wie ein Zufluchtsort für die jüdische Gemeinschaft. Die Nazis hätten sie zerstört. Zugleich seien den Juden Häuser weggenommen worden. "Die Enteignung hat unsere Eltern vor Probleme gestellt. Der Vater hat sich zunächst geweigert auszuziehen. Dann wurden Wasser und Gas gesperrt", erinnerte sich Grube.

Einen Tag vor der Reichspogromnacht sei er ins Kinderheim in München-Schwabing gekommen. Über 40 Buben und Mädchen lebten dort. Drei Jahre lang habe er hier seine Kindheit verbracht, getrennt von der Familie. Außerhalb des Heimes habe er die Ablehnung von anderen Kindern erfahren. Er sei beschimpft und angespuckt worden. Der Druck auf die Juden sei immer stärker geworden. Ab 1941 sei das Mieterschutzgesetz für Juden außer Kraft gesetzt worden. Die Juden, die nicht wussten, wo sie hin sollten, seien ins Lager Milbertshofen bei München gebracht worden. "Das ist immer noch kein Holocaust, noch kein Morden, Vernichten und Zerstören", verdeutlichte Grube. Die Bilder des Lagerleben werden ihm allerdings heute angesichts der Flüchtlingssituation wieder in Erinnerung gerufen: die Enge, keine Chance auf Privatsphäre.

Immer noch sehr engagiert

46 Kinder waren im Heim, die Hälfte davon sei abtransportiert worden. Nach dem Krieg habe er erfahren, dass sie in einem Gebiet von Litauen, das von den Deutschen besetzt war, umgebracht worden waren, sie nur mehr fünf Tage gelebt hatten. Er selber habe ein Jahr lang im Lager von Milbertshofen verbracht. Es gab viele weitere Schikanen: Juden durften nach 20 Uhr die Wohnung nicht verlassen, kein Radio, Fahrrad, Haustier haben und nur in bestimmten Geschäften einkaufen.

Über seine Verwandten berichtet Grube: "Ich weiß, dass sie nicht mehr leben." Sie seien ins polnische Belzec deportiert worden, wo viele Juden umgekommen seien. "Ich erzähle das nicht zu meinem Vergnügen", betonte Grube. Vielmehr habe er aufzeigen wollen, wohin die Verletzung von Menschenrechten führt. Nach wie vor engagiert sich Grube, ist Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und Vorsitzender des Kuratoriums bayerischer Gedenkstätten. Die aktuelle Sonderausstellung im Stadtmuseum lautet "Kindheit und Jugend in Krieg und in der Nachkriegszeit". Am Abend sprach Grube dort vor Publikum.
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