Mutig gegen das Unrecht

Lokales
Nittenau
06.07.2015
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Aus heutiger Sicht sind sie Widerstandskämpfer. Jugendliche rebellierten auch damals. "Ein besseres Leben haben", war das Ziel dieser vom Dritten Reich "Abtrünnigen". Anja Tuckermann hat mit ihnen gesprochen. Heraus kam ein weiteres Buch der Berliner Schriftstellerin.

"Vorbei?" Bei der Autorenlesung zum Buch "Ein Volk, ein Reich, ein Trümmerhaufen" im Stadtmuseum flossen die Erfahrungen von Autorin Anja Tuckermann mit ein. "Was hat das alles mit uns zu tun?" Diese Frage mag sich so mancher, vor allem junge Mensch, stellen. "Krankheit galt als Versagen." Junge Menschen damals haben dies so verinnerlicht, dass sie diese Einstellung weitergeben, wenn auch unbewusst. "Sei nicht so zimperlich", heißt es oft. "Das hat sich so ins Unterbewusstsein eingegraben, so dass es weitergegeben wird", führte die Sprecherin an.

Eigentlich soll es das letzte Buch über die Thematik des Nationalsozialismus sein, so Tuckermann. "Das wird es aber nicht sein, weil Menschen auf mich zukommen, die etwas zu sagen haben, und dann ist es nicht mehr Vergangenheit sondern Gegenwart." Der Drill begann bereits in der Schule, mit Rechenaufgaben, die einfach nur menschenverachtend waren. Im Biologieunterricht wurden die Kinder vermessen, weil man da Merkmale rassistischer Einflüsse zu erkennen glaubte.

Freundschaften zerstört

Sport war sehr wichtig. 60 Prozent gehörten der Hitlerjugend an. Ein Junge, Tuckermann nennt ihn Hartmut, musste im Alter von zehn Jahren zum Jungvolk. Schockiert war er über die Brutalität, mit der seinesgleichen zum Gehorsam gedrillt wurden. Gelände- und Kriegsspiele, Gewaltmärsche mit 30 Kilo Gewicht beherrschten den Alltag. Alle Jugendlichen lernten die gleichen Lieder. "Du bist nichts, das Volk alles", wurde ihnen vermittelt.

Symbole waren wichtig. Viele Lieder handelten von der Fahne und vom Heldentod, auf den die Menschen eingeschworen wurden. Freundschaften sollte es nicht geben. Was zählte, war die Kameradschaft. Freundschaften wurden von den Erwachsenen bewusst zerstört. So gab es laut Autorin ein Watschen-Ritual. Freunde mussten sich gegenseitig ohrfeigen, so lange bis einer von ihnen zu weinen begann. Danach folgten Verhöhnung und Spott, das Ende der Freundschaft.

Musik rettet Leben

Tiere, die die Kinder und Jugendlichen monatelang pflegten, streichelten und mit ihnen spielten, sollten von ihnen getötet werden. Es gab aber auch Jugendliche, die wollten das alles nicht mitmachen - und Erwachsene, die ihre Kinder nicht mitmachen ließen und sie somit vor diesem Schrecklichen bewahrten, so Tuckermann. "Es gab Jugendliche, die verbotene Musik gehört haben, zum Beispiel Swing und Jazz. Auch Tanz war verboten." Man traf sich aber doch zum Musikhören und zum Tanzen, so die Sprecherin. Heinz Jakob "Coco" Schumann, ein Berliner Swingmusiker, lebt auch heute noch in der deutschen Bundeshauptstadt. Seine Mutter war Jüdin. Verschleppt wurde er damals nach Theresienstadt und Auschwitz. Dieser "Coco" Schumann habe erzählt, dass ihm die Musik das Leben rettete. Obwohl verboten, hätten die Nazis seine Musik doch gerne gehört.

Einige Jugendliche gingen nicht mehr zu den Hitler-Jugend-Treffen. Lieber traf man sich im Park. Dadurch gerieten sie ins Visier der Gestapo. Im Kölner Raum und im Ruhrgebiet habe es viele Jugendliche gegeben, die Widerstand geleistet hätten. Eine davon war Getrud Koch, die Flugblätter schrieb und eine Druckerei fand, die diese druckte. Auch wurden Flugblätter unter den Jugendlichen getauscht. Am Kölner Hauptbahnhof gelang es, Flugblätter vom Turm herunterfallen zu lassen. Diese Jugendlichen seien nie erwischt worden, auch die nicht, die Züge mit Parolen wie "Legt eure Waffen nieder" oder "Naziköpfe rollen nach dem Krieg" beschrieben hatten.

Große Partys

"Edelweiß" oder die "Edelweiß-Piraten" waren die Widerstandskämpfer. Sie mussten mit dem Tod, Gefängnis oder Arbeitslager rechnen. Sechs von ihnen seien am Bahnhof gehängt worden, so Tuckermann. Doch aufhalten ließen sie sich nicht. Partys mit beispielsweise 500 Leuten hätten stattgefunden, mit Leuten zwischen 13 und 18 Jahre alt. Sie verspürten nicht nur Widerwillen, sondern auch Angst, hatte Tuckermann von ihnen erfahren. Viele Jugendliche und Lehrer seien verhaftet worden. Doch machten immer welche weiter. Carolin Schmuck, Leiterin des Stadtmuseums, dankte der Autorin für ihre Ausführungen sowie Oberstudienrat Peter Poth vom Regental-Gymnasiums, der den Kontakt vermittelt hatte.
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