Viel Raum für Gedanken

Agnes Kloos (links) und Petra Wolf begleiteten die Autorenlesung im Haus des Gastes mit ihren Violinen.
Lokales
Nittenau
23.09.2015
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Unterwegs sein ist mehr, als nur eine Strecke zurückzulegen. Bewusst zu Fuß, in Gemeinschaft sowie offen für die Umgebung und vor allem für Begegnungen bilden die Grundlage für die Schilderung der dabei gewonnenen Eindrücke. Schriftsteller haben dieses spannende Projekt gestartet.

In zehn Etappen wandert eine Gruppe von Schriftstellern von Regensburg nach Pilsen, schreibend und lesend. "Es ist ein Geschenk an die Kulturhauptstadt Pilsen 2015", erläuterte Dr. Marita A. Panzer, Vorsitzende des VS Ostbayern (Verband deutscher Schriftsteller, Regionalgruppe Ostbayern) am Samstagabend im Haus des Gastes.

"Mit letzter Kraft..."

Bürgermeister Karl Bley hieß die Gäste willkommen, die in zehn Etappen wandern und dabei die Literatur pflegen. Panzer dankte für den netten Empfang. Die erste Etappe wurde tags zuvor in Regensburg gestartet, das erste Ziel Ramspau erreicht. Am nächsten Tag ging es nach Nittenau weiter. Am Nachmittag erreichte die Gruppe Hof am Regen. "Mit letzter Kraft bin ich die Stufen hinaufgegangen", zeigte sich Panzer dankbar über den herzlichen Empfang mit Führung durch die Burg und die Versorgung mit Kaffee und Kuchen. Im Haus des Gastes schleppte Carolin Schmuck mit ihren Helfern eiligst Stühle herbei, damit die hohe Zahl an Gästen Platz fand für die anschließende Autorenlesung.

Petra Wolf und Agnes Kloos stimmten mit ihren Geigen darauf ein und unterhielten zwischen den literarischen Beiträgen musikalisch. Als Moderatorin fungierte Elfi Hartenstein. Aus dem Buch "Unterwegs", Geschichten aus Westböhmen und Ostbayern, trug sie eines ihrer Werke vor. Danach präsentierten Siegfried Schüller und - nach einer Pause - Vaclav Gruber ihre Geschichten daraus vor.

Gewinner und Verlierer

"Unterwegs" - die darin enthaltenen Erzählungen noch weiterer Schriftsteller sind sowohl in deutscher als auch in tschechischer Sprache manifestiert. "Kulissenwechsel" ist der Beitrag von Elfi Hartenstein überschrieben, den sie den Zuhörern nahebrachte. 1991 ist die Grenze zur tschechischen Republik wieder passierbar. Marianne nutzt dies, wobei sich das Bild schlagartig verändert. Die Begegnung mit Jana, einer blutjungen Prostituierten sowie Hedwig und Marie am Wegesrand, ändern den Blickwinkel. Wohlstand auf der einen Seite bei der erfolgreichen Innenarchitektin Marianne, die Not durch plötzliche Arbeitslosigkeit auf der anderen: Der "Kulissenwechsel" ist mehr als die Beschreibung von Äußerlichkeiten wie der Landschaft. Der Kapitalismus bringt Gewinner und Verlierer hervor. Die nächste Begegnung schilderte Siegfried Schüller mit seiner Geschichte "D 300 - Nymphe im Nachtzug". Darin erwähnt der junge wehrpflichtige Max zunächst die Aussage eines der älteren Offiziere, dass ein Fingerdruck am Abzug der Startschuss für den Dritten Weltkrieg hätte sein können.

Im Nachtzug trifft er auf Sybille, Näherin und Nymphomanin, wie sie freimütig und selbstverständlich einräumt. Sie teilen eine Brotzeit und eine Flasche Wein und kommen sich schließlich näher. Ein fehlendes Kondom stoppt die Bemühungen von Max. Die richtige Berührung, dann hätte er weiter kommen können bei ihr, zeigt sich Max überzeugt. "Nur ein leichter Fingerdruck am Abzug, und alles wäre vielleicht ganz anders verlaufen - im Großen wie im Kleinen".

"Weißt Du noch...?"

Die Berlinerin Sybille geht ihm auch beim anschließenden Kneipenbesuch, bei dem er auf seine Freunde trifft, nicht aus dem Kopf. Ein paar Wochen später bekommt er einen rosa Umschlag aus Berlin: "Weißt Du noch...?", hatte sie geschrieben, "wir haben zusammen 'ne Flasche geleert." Vaclav Gruber las auf Tschechisch seine Geschichte und beeindruckte mit dem wunderbaren Klang dieser Sprache. Auch wenn die Zuhörer des Tschechischen nicht mächtig waren, ließ sich aus der Betonung einiges erkennen, so den Dialog zweier Menschen. Elfi Hartenstein lieferte anschließend die deutsche Übersetzung dazu. "Bis ans Ende der Welt", beschrieb die Gedanken von Tomas und Jana auf dem Jakobsweg. In der Kathedrale steht Tomas vor der hölzernen Statue von Jakobus. Die beiden halten Zwiesprache. Tomas und Jana gehen zum Kap Finisterre. Tomas klettert am Ende des Fußweges über Felsblöcke und Klippen, ergreift dabei einen Pilgerstab, der inmitten der Felsen herausragt.

Wieder bei Jana angelangt, gehen beide zum Felsen hinter dem Leuchtturm und sind am Ende der Welt angekommen. "Und wenn wir uns umdrehen", so Jana, "dann sind wir am Anfang." Und noch eine Erkenntnis setzt sich durch: "Man muss den Weg gehen und nicht nur anschauen."

Teilnahme möglich

Verdienten Applaus ernteten die Autoren und die beiden Violinistinnen für ihre Beiträge. Am nächsten Tag brach sie nach Roding auf. Danach geht es über Cham, Furth im Wald, Eschlkam, Domazlice, Chudenice, Merklin bis nach Pilsen-Doudlevce und zum Schluss ins Zentrum in Pilsen. Interessierte, die ein Stück mitwandern wollen, sind gerne willkommen. Begegnungen unterwegs: Davon inspiriert, werden sicher wieder erzählenswerte Geschichten entstehen.
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