Von unvorstellbarem Leid

Samuel Reinstein kam in Begleitung seiner Familie (links) ins Regental-Gymnasium und berichtete aus seinem Leben in den verschiedenen Lagern und auf den Todesmärschen. Links von ihm Lehrer Peter Poth, der die Veranstaltung organisierte. Bild: Schieder
Lokales
Nittenau
25.04.2015
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Aus dem Ghetto in Polen ins Arbeitslager, dann über Gross-Rosen und Buchenwald nach Flossenbürg: Samuel Reinstein überlebte den Todesmarsch, der bei Stamsried mit der Befreiung durch die amerikanische Armee endete. Die Gymnasiasten hörten seiner Erzählung genau zu.

Für die Klasse Q 11 am Regental-Gymnasium gestaltete sich der Geschichtsunterricht am Donnerstagvormittag anders als gewohnt. Rektorin Petra Weindl hieß dazu wichtige Gäste willkommen: Samuel Reinstein und seine Familie. Die Schulleiterin erinnerte daran, dass auf den Tag genau vor 70 Jahren das KZ Flossenbürg befreit worden sei. Aus diesem Anlass seien die Gäste nach Deutschland gekommen.

Nach Auschwitz

Samuel Reinstein habe die Gegend schon einmal erlebt - damals vor 70 Jahren beim Todesmarsch, leitete Weindl zu den Erinnerungen des Zeitzeugen über. Samuel Reinstein, Jahrgang 1930, stammt aus Strzemieszyce in Polen. Er war der Jüngste von acht Kindern. Der Vater verstarb früh. Die Familie hielt sich mit dem Verkauf von Eiern und Butter über Wasser. Jeden Tag kamen neue Befehle. Der Schulbesuch war jüdischen Kindern ab 1941 untersagt. Jüdische Geschäfte mussten geschlossen bleiben, niemand durfte mehr dort einkaufen. 1942 schließlich wurde die Familie ins Ghetto geschickt.

Dann hieß es, das Ghetto müsse judenfrei sein. Mit der Bahn ging es nach Auschwitz, so der Zeitzeuge. Die Tagesration an Essen bestand aus Suppe mit Gras und Spinat und 200 Gramm Brot. Viele seien an Hunger und Entkräftung gestorben, "denn die Arbeit war äußerst schwer", berichtete Reinstein.

Im Winter unterwegs

Der erste Todesmarsch begann 1944 in Blechhammer, einer Außenstelle von Auschwitz. Bei Schnee und Eis gelangten Samuel Reinstein und sein Bruder Meir ins 270 Kilometer entfernte Lager Gross-Rosen, wo alles noch schlimmer gewesen sei, so Samuel Reinstein. Nächste Station war Buchenwald, ehe sie Flossenbürg erreichten. Noch einmal waren sie damit rund 400 Kilometer unterwegs gewesen. "Wir sprechen von der Zeit September 1944 bis Mai 1945", verdeutliche der Sprecher die Situation. Die kalte Jahreszeit verschärfte die ohnehin harten Bedingungen. Sein Bruder Meir war bereits sehr krank. Es ging um das Überleben.

Von Flossenbürg aus wurden die Marschierenden in Richtung Regensburg weitergetrieben. In der Nähe von Stamsried traten schließlich die US-Streitkräfte in Aktion. Meir Reinstein war an Typhus erkrankt, kam in ein Lazarett in Neunburg. Samuel folgte ihm und sorgte dafür, dass er wieder gesund wurde. Nächste Station war das Kloster Indersdorf, wo sie eigentlich nach England auswandern sollten. Es war Zufall, dass sie von ihren Schwestern Jadzia und Laia erfahren hatten. Alle vier Geschwister blieben zusammen, bis sie schließlich nach einigen Umwegen nach Israel ausreisten. Samuel Reinstein blickte in die Vergangenheit und gewährte dabei einen tiefen Einblick in die Nöte der Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden. Lange Zeit habe er nicht über diese Zeit gesprochen, denn: "Was sollte ich denn erzählen? Viel Gutes konnte ich nicht sagen." Mit Spannung verfolgten die Schüler einen TV-Bericht aus den USA, bei dem Samuel Reinstein seinen rettenden Engel Pat traf, die damals Sekretärin eines amerikanischen Offiziers war und ihm sehr geholfen habe. So hatte sie ihn mit allem Nötigen versorgt.

Der TV-Bericht zeigte das Wiedersehen von Samuel und Pat im Jahr 1998 in South Carolina, wo die beiden Erinnerungen austauschten. Ganz wichtig sind Samuel Reinstein die Familie, seine Frau und die drei Töchter sowie seine Geschwister und deren Familien. Diese zaubern ein Lächeln auf sein Gesicht...
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