Informationsveranstaltung über Flüchtlingssituation
Von Interesse überrollt

Eine Welle der Hilfsbereitschaft machte sich breit, viele trugen sich sogleich in die Listen ein, sagten so ihre Hilfe zu.
Politik
Nittenau
18.02.2016
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Bürgermeister Karl Bley (rechts), Martin Schöberl von der Stadtverwaltung und Doris Dürr von der "Lernenden Region", boten Informationen zur Flüchtlingssituation. Bilder: sir (2)

Am Thema Flüchtlinge und Asylsuchende kommt derzeit niemand vorbei. Die Stadt Nittenau und die katholische und evangelische Kirche boten eine Informationsveranstaltung an, bei der die Hilfe für die Ankommenden im Fokus stand. Mit dem Ansturm an Gästen hatten die Organisatoren nicht gerechnet.

"Wir sind überwältigt,", freute sich Bürgermeister Karl Bley, als die Menschen am Montag in die Regentalhalle strömten. Bestuhlt worden war der kleine Raum mit 70 Stühlen. Viel zu wenig! Und so bat Bley die rund 200 Gäste, mit ihrem Stuhl in die Halle umzuziehen. Bürgermeister Karl Bley und Martin Schöberl von der Stadtverwaltung erläuterten zunächst die allgemeine Situation im Landkreis. Die Pfarrer Reiner Eppelein (evangelische Gemeinde) und Adolf Schöls (katholische Gemeinde) beleuchteten das Thema aus ihrer Sicht (Kasten).

Die neue Unterkunft


Im Landkreis Schwandorf sind derzeit 769 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften und 1033 dezentral untergebracht worden, erläuterte Bley. In Bruck seien es 129 Flüchtlinge, in Bodenwöhr 37 und in Nittenau aktuell 44. Rosemarie Fechter stellte die von ihr geplante Gemeinschaftsunterkunft an der Thanner Straße vor. Geplant sind 32 Wohneinheiten mit zwei, drei oder vier Zimmern. Damit würden die Voraussetzungen für Familien mit Kindern geschaffen. Spielzimmer, Ruheraum, eine Bibliothek, eine Gemeinschaftsküche sowie vor allem Unterrichtsräume zum Erlernen der Sprache seien vorgesehen.

Zudem sollen ein Veranstaltungsraum, eventuell auch ein "Willkommens-Café" entstehen. Dies bedürfe der Mithilfe aller, betonte Fechter. Die Fertigstellung der rund 70 Plätze fassenden Unterkunft werde Anfang Juni sein, prognostizierte Fechter. Doris Dürr, Projektleiterin der "Sprachpaten" von der "Lernenden Region" sagte, dass über 100 Sprachpaten im Landkreis unterwegs seien. Vermittelt werde auch die deutsche Kultur. Eine Sprachpatenschaft sei ehrenamtlich. Der Ehrenamtliche gebe nicht nur, sondern erfahre Freundschaften. Manche erlernten im Gegenzug die arabische Sprache.

Bei den dezentral untergebrachten Flüchtlingen gehen die Sprachpaten direkt zu den Leuten. Für die in Gemeinschaftsunterkünften untergebrachten bildeten sich Arbeitskreise, so Dürr. Jeder könne eine Sprachpatenschaft übernehmen. Wer dies über die "Lernende Region" mache, könne Fahrtkosten geltend machen und genieße Versicherungsschutz.

Spontaner Applaus


Theresia Reichart-Gruber aus Schwandorf hat bereits einige Familien betreut. "Uns geht es so gut, wir müssen etwas tun", für diese Worte erntete sie spontanen Applaus. Auch bei uns gebe es arme Menschen, aber niemand müsse vor Bomben und Terror fliehen, Kinder können in die Schule gehen. Sie selbst habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Man brauche keine Angst vor diesen Leuten zu haben. Inzwischen seien die meisten der von ihr Betreuten in die Ballungszentren gezogen, zu ihren Familien. Doch noch immer werde der Kontakt gepflegt. Neben den Hilfen im Alltag und den Behördengängen und Arztbesuchen habe sie auch den Besuch von Kursen angeregt. Nur einmal hat sie eine negative Erfahrung gemacht und sich wegen maßloser Ansprüche zurückgezogen.

Sprachpatin Ursula Hahnel beleuchtete auch die Schattenseiten. So tun sich manche der Schüler sehr schwer mit der deutschen Sprache. Zudem sei bei den Asylsuchenden eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Probleme entstehen auch, wenn manche allzu sehr in ihrem Kulturkreis verwurzelt seien. Sprachpaten werden weiter dringend benötigt, etwa zur Hausaufgabenbetreuung.

Bürgermeister Karl Bley verwies auf die ausliegenden Listen, in die sich potenzielle Helfer eintragen konnten. Die Stadt werde das Engagement koordinieren. Michael Goldhahn von "flying help" berichtete speziell von der Situation auf der griechischen Insel Kos und wie dieser Verein dort Hilfe leiste.

Die Sicht der KirchenPfarrer Adolf Schöls erinnerte an die Erfahrungen der Deutschen während des Dritten Reichs und nach dem Krieg. Mit Sorge sehe er, dass Europa immer rechtslastiger werde. Es gelte, einen Beitrag zu leisten, damit die Welt ein bisschen menschlicher werde. Unsere Aufgabe sei es, uns als Menschen zu zeigen. "Hirnverbrannt" nannte er die Äußerungen von Frauke Petry von der AfD bezüglich des Schießbefehls, woraufhin Applaus einsetzte.

Pfarrer Reiner Eppelein sagte, dass der größte Teil der evangelischen Gemeinde schlesische Wurzeln habe. Im Bodenwöhrer Bahnhof seien die Flüchtlinge nach dem Krieg aus den Viehwaggons entstiegen und vorerst in ein Lager gekommen, zog er Parallelen zur heutigen Situation. Flüchtlinge seien darauf angewiesen, aufgenommen zu werden. Dies sei ein Gebot der Nächstenliebe. (sir)
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