18 Monate zur Bewährung für Schlag mit einer Bierflasche
Schweigen mit heftigen Folgen

Symbolbild: dpa
Vermischtes
Nittenau
04.03.2016
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Sie hielten zusammen, um ihren Freund aus der Schusslinie zu nehmen. Doch die Richterin ließ sich durch wundersame Gedächtnislücken nicht beeindrucken. Sie ahndete den zu schweren Verletzungen führenden Schlag mit einer Bierflasche und verhängte 18 Monate zur Bewährung.

Schwandorf/Nittenau. Vier Verhandlungstage, über 30 Zeugen und ein Mann, dem durch den wuchtigen Hieb mit einer Bierflasche Teile des rechten Ohrs abgetrennt worden waren. Seit dem 18. Januar hatte sich die Schwandorfer Amtsrichterin Petra Froschauer durch einen teilweise wirren Wust von Aussagen gekämpft. Sie kamen von jungen Leuten, die im Oktober 2014 zu später Stunde ein Lokal in Nittenau besucht hatten und mitbekommen haben mussten, dass sich plötzlich eine Schlägerei anbahnte.

Sehr detailliert


Ein völlig unbeteiligter Arbeiter aus Roding wollte die Streithähne trennen. Von hinten bekam er eine Bierflasche über den Schädel gezogen, musste später notoperiert werden und war wochenlang im Krankenstand. Wer der Täter war, konnte der 44-Jährige nicht ausmachen.

Der Schläger hatte seine Attacke heimtückisch von hinten gestartet. Als später die Kripo ermittelte, wollte keiner der vielen Gäste etwas gesehen haben. Bis auf eine junge Frau. Sie identifizierte den jetzt auf der Anklagebank sitzenden 22-Jährigen als Täter und wiederholte ihre Angaben sehr detailliert vor der Richterin. "Warum hätte sie lügen sollen?", hieß es nun in der Urteilsbegründung.

Freispruch gefordert


Der 22-Jährige schwieg bis zum Schluss beharrlich. Er ließ seine Verteidigerin Mayumi Weinmann (Regensburg) reden. In ihrem Plädoyer vermutete die Anwältin, dass sich die Zeugin durchaus getäuscht haben könnte und führte ins Feld, dass alle anderen Gäste des Lokals den Bierflaschenhieb nicht bemerkt hätten.

Ihr Antrag lautete auf Freispruch und stand damit völlig konträr zur Auffassung von Staatsanwältin Dr. Isabel Rupprecht. Sie hielt den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung für erwiesen, forderte 18 Monate Haft mit Bewährung und außerdem 2500 Euro Geldauflage. Auf "schuldig" lautete auch der Antrag von Nebenklagevertreterin Claudia Schenk (Regensburg). "Hier haben sich Zeugen umfangreich abgesprochen", führte sie der Richterin vor Augen.

Die Taktik des Zusammenhaltens im Freundeskreis und des Schweigens von der Anklagebank ging nicht auf. Richterin Froschauer verhängte 18 Monate Haft mit Bewährung, legte dem 22-Jährigen außerdem 1500 Euro zugunsten der "Opferhilfe" auf und verurteilte ihn zur Zahlung von 5000 Euro Schmerzensgeld.

Dabei stützte sie sich auf die Beobachtung der jungen Zeugin und ließ anklingen, dass es einen Freispruch nicht allein deswegen geben könne, "wenn viele sagen, sie hätten nichts gesehen." Noch dazu, wie sie anfügte, weil sich das Geschehen auf denkbar engstem Raum zutrug. "Für mich", unterstrich die Richterin, "gibt es keinen Zweifel, dass hier der Täter sitzt."

Das Urteil könnte für den 22-Jährigen zum finanziellen Fiasko werden. Geldauflage und Schmerzensgeld wären womöglich noch zu schultern. Doch im Hintergrund stehen Behandlungs- und Lohnausfallkosten in sicherlich fünfstelliger Höhe. Dass er sich in einer Berufung an das Landgericht wendet, liegt deshalb nahe.

Keine Chance für Lügner
Angemerkt von Wolfgang Houschka

Viele Leute in einem kleinen Lokal. Plötzlich wird einer mit der Bierflasche niedergeschlagen und schwer verletzt. Alle sehen zu, keiner will später etwas gesehen haben. Mit Ausnahme einer jungen Frau. Nur sie machte Angaben. Alle anderen aus diesem Freundes- und Bekanntenkreis einer Stammtischrunde hatte die seltsamsten Ausreden, um nur ja nicht in die Mühle der Justiz zu geraten.Jetzt sind sie hoffentlich mittendrin. Der Staatsanwältin ist dringend empfohlen, möglichst umgehend Verfahren wegen Falschaussagen in Gang zu bringen. Was sich im Vorfeld des Prozesses gegen den nunmehr als Täter identifizierten 22-Jährigen abspielte, war ein Konglomerat der Absprache unter dem Vorzeichen: Am besten nichts gehört und gesehen. Der viertägige Prozess vor dem Schwandorfer Amtsgericht hat erneut deutlich gemacht: Junge Leute gehen in unserer Zeit gerne auf abschottende Distanz zu den Ermittlungsbehörden. Dieser Einstellung muss die Exekutive massiv entgegen wirken. Zumal dann, wenn es sich um schwerwiegende Straftaten wie den Bierflaschen-Hieb in Nittenau dreht.

redsad@derneuetag.de
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