Bierflasche über den Kopf gezogen

Vermischtes
Nittenau
20.01.2016
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Der lange Marsch durch das Tal der Ahnungslosen dauerte sechs Stunden. Bilanz danach: 20 Zeugen vernommen, 19 davon wollten so gut wie nichts gesehen haben. Bis auf eine junge Frau. Sie schilderte, wie das war, als einem Mann per Bierflaschenhieb auf den kahlrasierten Kopf schwere Verletzungen beigebracht wurden.

Schwandorf/Nittenau. (hwo) Wenn junge Leute vor Gericht aussagen sollen, gibt es eine beliebte Floskel. Sie lautet: "Keine Ahnung." Wenig gehört, noch weniger gesehen, am besten unbehelligt bleiben und in nichts hinein geraten. Über Stunden hinweg gab sich die Schwandorfer Amtsrichterin Petra Froschauer Mühe, die Geschehnisse in einer Oktobernacht vorvergangenen Jahres aufzuhellen. Doch von 20 gehörten Männern und Frauen (quasi die gesamte Gästeschar eines Nittenauer Lokals) konnte nur eine 22-Jährige konkrete Angaben machen. Alle anderen hatten zwar mitbekommen, dass plötzlich viel Blut floss. Doch den Täter, obwohl auf eher wenigen Quadratmetern beieinander stehend und sitzend, wollte nur eine beobachtet haben.

Opfer wollte schlichten


Im Oktober 2014 gab es in der Nittenauer Regentalhalle ein Rockkonzert. Es endete erst nach Mitternacht. Danach drängten Besucher in ein nicht weit entferntes Lokal, das noch offen hatte. Darunter auch ein 44-Jähriger aus Roding. Er war dann schon einige Zeit da, als man ihn bat, bei einer Streiterei schlichtend einzugreifen. Das tat er. Mehrere Gäste (manche sprachen von drei, andere von zehn) waren aufeinander losgegangen. Stühle flogen polternd um, Gläser fielen von der Theke, Mädchen brachten sich in Sicherheit.

Sekunden später geschah, was nun vor der Amtsrichterin Petra Froschauer zur Debatte steht. Der zur Streitschlichtung gewissermaßen an die "Front" gegangene 44-Jährige bekam von hinten eine Bierflasche über den Kopf gezogen. Der massive Hieb trennte ihm einen Teil des rechten Ohrs ab, Splitter bohrten sich in den Schädel. Bei einer Notoperation konnte später das Ohr-Teil wieder angenäht werden. Bis heute leidet der Mann unter Schmerzen. Den heimtückischen Täter sah er nicht. Der Angriff geschah, als er ihm den Rücken zu kehrte.

Auf der Anklagebank sitzt jetzt ein 22-Jähriger. Er macht keine Angaben. Erst im Verlauf umfangreicher Ermittlungen war die Amberger Kriminalpolizei auf seine Spur gekommen. Sie hatte den Fall wegen der lebensgefährlichen Vorgehensweise übernommen und dabei ein schweres Stück Arbeit vollbracht. Denn nach der Bierflaschen-Attacke war das Lokal blitzschnell leer. So mussten die Fahnder jeden der zur Tatzeit anwesenden Gäste einzeln ermitteln und befragen. Das Ergebnis ließ sich nach dem ersten Prozesstag so zusammenfassen: Es floss viel Blut, nahezu alle wollten das Opfer gesehen haben. Nicht aber den ihn von hinten angreifenden Täter.

Nur eine 22-Jährige identifizierte ihn. Sie tat das vor der Kripo und sie blieb auch im Prozess dabei: "Der Angeklagte war es." Die Frage ist nun, ob man ihr das abnehmen wird. Die Frau, so stellte sich auf Nachfragen der Verteidigerin des Beschuldigten heraus, hat Vorstrafen. Doch erschüttert das ihre Glaubwürdigkeit?

"Noch Klärungsbedarf"


Die Richterin will es genau wissen. Zu einem weiteren Verhandlungstermin am 28. Januar lädt sie nun zwei namentlich bekannte Männer, die sich ebenfalls in dem Lokal aufhielten. "Es besteht noch Klärungsbedarf", begründete Froschauer ihre Entscheidung und befand sich dabei im Meinungseinklang mit Staatsanwältin Dr. Isabell Rupprecht. Zu befürchten ist allerdings, dass der Marsch durch das Tal der angeblich Ahnungslosen weitergeht.

Das Verfahren hat zwischenzeitlich erhebliche Kosten verursacht. Der Mann aus Roding war sieben Wochen lang arbeitsunfähig, er musste unter größerem Aufwand operiert werden, lag in der Uniklinik. Etliche der Zeugen reisten von auswärts an. Kommt hinzu, dass sich der damals Schwerverletzte durch die Regensburger Anwältin Claudia Schenk als Nebenkläger vertreten lässt. (Angemerkt )
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