Integration geht auch durch den Magen
Im Unruhestand für Flüchtlinge da

Als pensionierte Lehrerin ist Ursula Hahnel natürlich prädestiniert für die Hausaufgabennachhilfe. Bilder: doz (2)
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Nittenau
21.04.2017
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Der Helferkreis bot den Flüchtlingskindern einen Schwimmkurs an. Bild: exb

Hier eine herzliche Umarmung. Dort ein kurzer Ratschlag. Ursula Hahnel, Gründerin des Helferkreises Asyl in Nittenau, hat sich für den Unruhestand entschieden. Sie hilft Syrern, Irakern, Eriträern - und hofft, irgendwann überflüssig zu werden.

Offener Treff im Anwesen "Am Anger 1": Jeden Donnerstag kommen hier Engagierte des Helferkreises Asyl und Flüchtlinge zusammen. Die Helfer sind ausschließlich Frauen, rund ein Dutzend. Mittendrin: Die pensionierte Gymnasiallehrerin Hahnel (68) aus Nittenau. In Regensburg lehrte sie die Schüler Englisch, Spanisch und Sport. Heute unterstützt sie Flüchtlingskinder bei den Hausaufgaben, organisiert Schwimm- und Sprachkurse, hilft den Erwachsenen bei der Wohnungssuche oder beim Übersetzen von Amtsbescheiden. Das hat es in sich. Fünfseitige Schreiben in reinstem Juristen- und Amtsdeutsch sind keine Seltenheit. Die Behörden wollen sich formal absichern. Das macht das Lesen der Briefe schon für Einheimische schwierig, für den Nicht-Muttersprachler unmöglich.

Hinzu kommen die einschneidenden Erfahrungen der Flüchtlinge. Menschen, die Tausende quälende Kilometer bewältigt haben und aus Ländern kommen, in denen seit Jahren Bürgerkrieg herrscht. Deshalb ist die Arbeit mit den Kindern für Hahnel auch nicht mit ihrer Zeit am Gymnasium zu vergleichen. "Ich bin es gewohnt, dass 30 Schüler in der Klasse zuhören und sich konzentrieren", sagt sie. "Am Anger 1" - das Gebäude hat die Stadt zur Verfügung gestellt - hingegen hüpfen die Buben und Mädchen herum, toben, sind nicht immer bei der Sache.

"Bräuchten einen Mann"


Es hilft, dass Hahnel ein bisschen Arabisch spricht. Sie hat einen Universitäts-Kurs belegt und ist viel gereist. Was zu Konflikten führt, sind aber die unterschiedlichen Auffassungen über die Geschlechter-Rollen. "Manche Jungs nehmen die Frauen nicht für voll." Die Damen sind sich deshalb unisono einig. "Wir bräuchten einen Mann", sagt Hahnel stellvertretend für den ganzen Helferkreis. Dabei geht es auch um ganz praktische Dinge wie Möbel schleppen (siehe "Hilfe für Helfer").

Hahnel erzählt, was sie antreibt: "Ich befürchte, dass Probleme mit nicht integrierten jungen Leuten auf uns zukommen, wenn wir nicht aktiv werden." Deshalb hilft sie, wo sie kann. Die Asylbewerber, die zum Offenen Treff kommen, schätzen das und haben die 68-Jährige längst ins Herz geschlossen. So wie Khdaier Muhammad Caesar, der nur gebrochen Deutsch spricht. Er erklärt, dass er und seine Familie - seine Frau und zwei Kinder - aus Bagdad stammen. Caesar war in seinem Heimatland elf Jahre KfZ-Mechaniker und anschließend Koch. Er floh wegen der schlechten Sicherheitslage. In den "Anger 1" kommt er, "um Leute zu treffen". Caesar müht sich, seine Geschichte zu erzählen. Ihm fehlen die deutschen Vokabeln. Dafür bringt er zum Ausdruck, wie sehr er Hahnel für ihre Hilfe dankbar ist. Er zeigt auf die 68-Jährige und sagt: "Diese Frau, immer da." Stolz fordert er dazu auf, man solle ein Bild von ihm und der pensionierten Lehrerin machen. Wer Hahnel beobachtet, merkt, wie sehr sie in ihrem Engagement aufgeht. Allerdings macht sie sich auch viele Gedanken.

Reden und Hochzeitstorte


Sie kritisiert etwa, dass nicht alle die Integrations-Angebote nutzen: "Die es nicht brauchen, kommen. Die es nötig hätten, muss man an den Ohren herziehen. Wir bieten Hilfe an, aber es wird nicht immer die ausgestreckte Hand angenommen." Dabei denkt sie sogar einen Schritt weiter. Sie und die anderen Helfer sollen obsolet werden: "Integration bedeutet natürlich, dass wir eigentlich überflüssig sind." Bis es aber so weit ist, wird es wohl noch ein weiter Weg. So lange werden sich Hahnel und die anderen Helfer weiter jeden Donnerstag "Am Anger 1" mit den Flüchtlingen treffen, um bei kleinen und großen Problemen zu unterstützten - oder einfach nur zu reden. So wie an dem Tag, an dem sie Caesar so sehr lobt. Es gibt Süßes. Ursula Hahnel hat die Hochzeitstorte ihrer Tochter mitgebracht, die vom Fest übrig geblieben ist. Integration geht eben auch durch den Magen.

Hilfe für die HelferDen Helferkreis Asyl Nittenau gibt es seit rund eineinhalb Jahren. Wer sich engagieren will, kann sich an Gründerin Ursula Hahnel unter Telefon 09436/1332 oder 0160/5574681 sowie unter E-Mail uhahnel@hotmail.com wenden. Der Helferkreis vermittelt auch Patenschaften für Flüchtlingskinder. Gefragt sind derzeit Handwerker, die bei Umzügen oder der Installation von gespendeten Geräten helfen können. Außerdem sucht der Helferkreis einen Grafiker, der eine Webseite erstellen kann sowie Transportfahrzeuge für gespendete Sachen. Gesucht werden aktuell gebrauchte Fahrräder, Fernseher, Receiver sowie CD-Player, um die Lern-CDs für den Deutschkurs abspielen zu können. (doz)


Ich befürchte, dass Probleme mit nicht integrierten jungen Leuten auf uns zukommen, wenn wir nicht aktiv werden.Ursula Hahnel, Gründerin des Helferkreises Asyl Nittenau


AsylbewerberDerzeit leben 115 Asylbewerber in Nittenau. 88 in Gemeinschaftunterkünften, 27 in dezentralen Wohnungen. Sie haben folgende Staatsangehörigkeit:

Syrien: 19

Irak: 17

Athiopien: 15

Eritrea: 27

Aserbaidschan: 29

Armenien: 2

Kuba: 2

Libanon: 4. (doz)
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