Nittenauer Grüne zu Gast in Polen
Geschichte als Auftrag

Franz Probst (links) führte die Delegation der Nittenauer Grünen an, die bei der Familie des ermordeten Zwangsarbeiters Zygmunt Marzec zu Gast war. Bild: hfz/Jan Horsted
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Nittenau
15.10.2016
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Der polnische Zwangsarbeiter Zygmunt Marzec wurde 1942 von der Gestapo nahe Bodenstein ermordet. Verwandte suchten nun den Kontakt nach Nittenau. Eine Delegation der Grünen reiste nun nach Proszowice.

Die 35 Kilometer östlich von Krakau gelegene Kleinstadt mit heute 6000 Einwohnern war die Heimatgemeinde des unschuldig Hingerichteten. Sein Geburtshaus lag im Dörfchen Opatkowice und ist nicht mehr erhalten. In Opatkowice wurde die Delegation empfangen von den Verwandten und war zu Gast bei der Familie von Halina Paraniak. Halina und Barbara Rog sind Nichten von Zygmunt Marzec und waren zur Aufstellung des Gedenksteins vergangenes Jahr in Bodenstein. Ihr Onkel Zygmunt hatte 1941 für ihren Vater Wladyslaw die Reise nach Deutschland zur Zwangsarbeit angetreten.

Einladung des Stadtrats


Der Empfang in Opatkowice war offen und herzlich und man wurde mit polnischen Köstlichkeiten verwöhnt, so Stadtrat Franz Probst. Eingeladen hatten auch der Vorsitzende des Stadtrats von Proszowice, Krzysztof Wojtush und weitere Vertreter der historischen Kommission der Verwaltungsgemeinschaft, die sich für die Geschichte Nittenaus und für die Hintergründe der damaligen Gräueltat interessierten. Sie selbst hatten schon vor der Veröffentlichung des Buchs "Verbrechen Liebe" durch den BR-Journalisten Thomas Muggenthaler über das Geschehnis am 12. November 1942 geforscht, ohne allerdings fündig zu werden.

Nach der Übersetzung ins polnische und durch den Besuch der Verwandten 2015 in Nittenau anlässlich der Aufstellung des Gedenksteins kam für sie Licht ins Dunkel. Andrej Solarz publizierte einen Artikel über das Schicksal von Marzec. Die Gespräche mit den Grünen brachten Hendrik Pomykalski, dem Vorsitzenden des Vereins "Gniazdo/Nest der proszowicer Heimat" und Andrej Solarz, Chefredakteur des Internetportals "Kurier Proszowicki", weitere wichtige Informationen über die Zwangsarbeit im Raum Nittenau. Die Schwandorferin Barbara Dudkowski, die die Nittenau Grünen seit Jahren bei diesem Thema begleitet, war als Dolmetscherin einige Stunden lang stark gefordert. Stadtrat Wojtush regte eine Fortführung des Kontakts an und wünschte sich vor allem einen Jugendaustausch zwischen seiner Stadt und Nittenau, durch den gegenseitige Öffnung und Versöhnung gefördert werden könnte. Kontakte könnten sich etwa über die Schulen ergeben. Da der Schwiegersohn von Barbara Rog, Krzysztof Szot, Kapellmeister der Jugendblaskapelle von Proszowice ist, könne auch ein Jugendaustausch der Kapellen gute Früchte tragen. Franz Probst wurde gebeten, im kommenden Jahr in den Schulen von Proszowice Vorträge zu halten. Vorgeschlagen wurde, das Stigma der Geschichte aus der Perspektive der Opfer am Beispiel von Zygmunt Marzec darzustellen. Interesse besteht auch an den Aktivitäten der Nittenauer Grünen und speziell an der Arbeit zur Aufarbeitung der Nazizeit.

Nach Auschwitz


Die Familie dankte den Nittenauer Grünen und allen Beteiligten für die Errichtung des Gedenksteins. Für sie habe dies dem ermordeten 21-Jährigen seine Würde wiedergegeben, die ihm 1942 durch die Hinrichtung geraubt worden war.

Barbara Dudkowski, Jan Horsted, Franz Probst und Franz Stadler mit Frau Angela und Sohn Matthias fuhren mit Marzecs Verwandten ins 100 Kilometer entfernte Oswiecim, Auschwitz. Dort besuchten sie die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers, einen erschütternden Ort. Dort sind die Gräuel der Nazis dokumentiert, die Folge der Rassengesetze waren. Die Missachtung der Menschenwürde und Menschenrechte gipfelten in systematischen medizinischen Versuchen an Menschen mit Todesfolge und der Massenvernichtung in Gaskammern. Stadtrat Probst und Matthias Stadler, der das 2012 für Marzec errichtete Holzkreuz gefertigt hatte, entzündeten an der Hinrichtungsmauer eine Kerze zum Gedenken an die nationalsozialistischen Gräueltaten und für die Versöhnung.

Die Gastgeber zeigten sich besorgt über den aufkeimenden starken und ausgrenzenden Nationalismus unter den polnischen Jugendlichen. Sie sehen eine Chance für Demokratie und Menschenwürde auch in der Beschäftigung mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs, um aus der Geschichte lernen zu können. Vor der langen Heimfahrt sprachen die Nittenauer eine Einladung zur Gedenkfeier von Zygmunt Marcez am 13. November in Bodenstein aus.
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