Don Quijote als phantasievolles Tanzstück mit politischer Botschaft
Den Geist von seinen Fesseln befreien

Goyo Montero zeigt auch in seiner neunten Spielzeit, dass das Thema der Grenzgänger zwischen Traumwelten und Realität(en) noch lange nicht ausgeschöpft ist. (Foto: Jesús Vallinas)
Kultur
Nürnberg
24.04.2017
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Wer ist Don Quijote - und wenn ja, wie viele? Die unterschiedlichen Facetten des selbst ernannten "Ritters von trauriger Gestalt" legt Goyo Montero in seinem Nürnberger Tanzprojekt frei. Vom Helden und Kämpfer bis hin zum Visionär und Verrückten reicht die Palette.

Von Günter Kusch

Mit eindrücklichen Licht- und Soundeffekten, die eine mystisch-irreale Welt auf die Bühne zaubern, bläst der Ballettchef der 400 Jahre alten Story kräftig den Staub aus den Windmühlensegeln. Immer wieder blitzen Bezüge zur aktuellen Weltpolitik auf, und auch eine Botschaft für heute gibt es: Wir brauchen mehr solcher verrückten Helden, die für Gerechtigkeit, Fantasie und Freiheit kämpfen!

Wahn und Wirklichkeit


Statt auf traditionelles Ballett setzt Goyo Montero diesmal auf Tanztheater. Und die Compagnie stellt sich dieser schauspielerischen Herausforderung mit Bravour. Nach "Don Juan", "Faust", "Cyrano" und "Latent" widmet sich Montero zum wiederholten Mal dem Wechselspiel zwischen Wahn und Wirklichkeit, setzt dies mit der typischen Düsternis und dem Jonglieren mit Licht und Schatten um. Andererseits entdeckt man einen ungewohnten Mut zu szenischen Darstellungen, rasant wechselnden Kulissen und Formationen sowie ein Aufflackern von Hoffnung oder Zuversicht. Wenngleich das helle Licht am Ende nur aus einem verschlossenen Reisekoffer schimmert.

Faszinierend ist wieder die Klangwelt des kanadischen Künstlers Owen Belton, der diesmal die Partitur für den gesamten Abend komponierte. Wer genau hinhört, entdeckt Geräusche eines Esels oder Schritte über Glas. Toll, wie exakt die Tänzer diese Soundschnitzel in Bewegung verwandeln. Nur am Ende schweigt Belton, und es erklingt das Adagio des 2. Klavierkonzerts von Chopin.

Diese Musik, ein melodiöser Strudel der Emotionen, führt zum etwas abrupt wirkenden Finale, bei dem sich mit viel Nebelschwaden apokalyptische Ausblicke eröffnen. Die Zukunft bleibt im Schwebezustand, der Mensch zwischen Reinigung und Hinrichtung, ein sich drehender kafkaesker Käfig, an dieser Stelle wird zu viel hineingepackt in eine ansonsten stimmige Inszenierung.

Nerven- und Denknahrung


Wie auch immer: Wellness für die Tanzseele darf man an diesem Abend nicht erwarten. Statt der humoresken Leichtigkeit, die ja auch in Cervantes "Don Quijote" angelegt ist, legt Montero den Schwerpunkt auf psychologisch tiefschürfende Nerven- und Denknahrung. Wenn die Tänzer sich zu Überlebenden eines Flüchtlingsbootes formieren, laute Sirenen ertönen beim Versuch, eine Mauer zu überwinden und grelle Scheinwerfer ins Publikum leuchten, wird das Ganze hochpolitisch.

Die Figur des Seiltänzers, die der Ballettchef eigens für sein Tanzstück einführt, dient der Identifikation und stellt in Frage: Welche Schritte gehen wir angesichts des Wahnsinns politischer Führungskräfte und kontrollierender Regime? Und: Wie setzen wir heilsame Fantasie und kritischen Geist frei, um Menschen von ihren Fesseln zu befreien?
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