Der Bockerl besucht den "Gaouglhanes"

So sehen die Hausnamen-Schilder in Stulln aus. Bild: ohr
Lokales
Oberviechtach
22.08.2015
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Manch einer stutzt, wenn den Alteingesessenen in Oberviechtach ein geschätzter Mitbürger namens Josef Bauer eher als "Minzerlederer-Säpp" geläufig ist. Das eine ist der Haus- , das andere der amtliche Familienname. Und Hausnamen erzählen Geschichte(n).

Im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum ist eine von sechs Abteilungen dem Thema "Handwerk und Hausnamen" gewidmet, was bayernweit wohl einmalig ist. Darin werden sowohl das Kulturgut der Hausnamen in Wechselwirkung mit früheren Berufen aus den Bereichen "Textil" und "Leder" als auch der nordbairische Dialekt in einem innovativen gestalterischen Ansatz unter zeitgemäßen museumspädagogischen Gesichtspunkten präsentiert und dokumentiert.

Die Zahl der dafür erfassten und in verschiedenen Formen veranschaulichten Hausnamen der Oberviechtacher Altstadt beträgt 133. Eine dieser Formen ist ein "Hausnamenband", das sich durch die ganze Abteilung zieht. Diese Hausnamen sind, was ihre Wortbildungsmuster und die dialektalen Charakteristika betrifft, vielfältig, anschaulich und originell.

Die größte Gruppe bilden mit einer Zahl von 85 (rund 65 Prozent) jene, die aus einer Berufsbezeichnung gebildet sind oder eine Berufsbezeichnung als Bestandteil aufweisen. Diese Hausnamen lassen sich in 15 Berufs- beziehungsweise Tätigkeitsbereiche einteilen. Eine Auswahl davon soll die Breite des Spektrums veranschaulichen: Hoglschouster, Minzerlederer, Hoslschreiner, Beckerdofferl, Bouchdrucker, Schmienaze, Fawermichl, Hoslbosterer, Gschirgramerl, Voglhejder, Gocklschneinder, Balzerbauer, Braimoaster, Schmer, Minzndama und Mesner.

Eine zweite höchst interessante Gruppe der Hausnamen stellen jene dar, die aus Übernamen gebildet sind. Im engen Sinn wird der Begriff "Übername" für jene Beinamen verwendet, die aus körperlichen, geistigen, charakterlichen Merkmalen eines Menschen, aus Ereignissen seiner Lebensgeschichte und ähnlichem gewonnen sind. Insgesamt ergibt sich bei den untersuchten Hausnamen eine Zahl von 18, zum Beispiel Bockerl, Fichsl, Gaier, Gaouglhanes und Zierer. Die restlichen 29 Hausnamen, unter denen sich einige sehr ausgefallene befinden, wie etwa der alt Ott, Friebattl, Mackladl und Rasemuss weisen unterschiedliche Wortbildungsmuster auf. Die hauptsächlichen Komponenten sind Vornamen, Familiennamen und Ortsbezeichnungen.

Im 12. Jahrhundert

Die Ursprünge der Hausnamen liegen Jahrhunderte zurück. In der Geschichte der Namenkunde kann man mit dem beginnenden 12. Jahrhundert von einer Art Zäsur sprechen: Während es über Jahrtausende bei den Germanen und anderen Völkern üblich gewesen ist, Menschen nur mit einem Namen zu bezeichnen, lassen sich ab dem genannten Zeitraum in Urkunden allmählich Personenbezeichnungen mit Ruf- und Beinamen feststellen. Parallel dazu ist das Aufkommen der Hausnamen zu beobachten. Im Gegensatz zu den Familiennamen handelt es sich hier nicht um amtliche Beinamen.

Sie bilden sich im täglichen Umgang innerhalb der Bevölkerung eines Ortes. Konkret bedeutet dies, dass sie einerseits zur Kennzeichnung einer Familie und andererseits zur lokalen Orientierung im Ort verwendet wurden. Dies führte sogar dazu, dass die Hausnamen - als Pendant zu den offiziellen Schreibnamen - früher in der Bevölkerung des jeweiligen Ortes eine größere Bedeutung hatten oder besser bekannt waren als die Personennamen. Dies ist zum Teil auch heute noch der Fall.

Die Entstehungsgeschichte und Lebensdauer einzelner Hausnamen zu ergründen, kann sich im Einzelfall als schwieriges bis unmögliches Unterfangen erweisen, zumal manche mehr als 400 Jahre alt sind. Für die Zeit vor dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts können Funde in Kirchenbüchern eine Hilfe sein. Ein Bruch kam mit der Säkularisation und den sogenannten Liquidationsakten in Bayern. Alle Grundstücke wurden neu erfasst und bewertet, das heißt die Hausnummern, die Bewohner - einschließlich der sozialen Verhältnisse -, die Hausnamen sowie dazugehöriger Besitz an Wiesen, Feldern und Wäldern. Diese systematische Registrierung ist in vielen Fällen zumindest ein erster Anhaltspunkt.

Renaissance

Im Gegensatz zu den Städten haben die Hausnamen auf dem Land ihren Stellenwert bis heute ziemlich bewahrt. In manchen Gemeinden ist sogar eine Art "Renaissance" festzustellen, dass Hausbesitzer an der Fassade ihres Anwesens ein Schild mit ihrem Hausnamen angebracht haben. Damit wird - nicht ohne eine gehörige Portion Stolz - manifestiert, dass der jeweilige Hausname über viele Generationen "vererbt" wurde und als ein Stück lebendigen Volkstums Zeugnis gibt von längst vergangener Zeiten.

Hausnamen beziehen sich im Allgemeinen auf das männliche Familienoberhaupt, während die Ehefrau durch "in" oder "-en" gekennzeichnet wird. Kinder oder Geschwister werden durch das Anfügen ihres Vornamens an den Hausnamen kenntlich gemacht. Dadurch ergeben sich in der Regel Wörter mit drei Komponenten, woraus neue Hausnamen entstehen können, wenn der Träger in einem eigenständigen Haushalt am Ort oder in der näheren Umgebung lebt. In Oberviechtach ist das zum Beispiel bei "Fawerhansherl" der Fall. Da ein Hausname gewöhnlich auf einem Anwesen bleibt, kann der Fall eintreten, dass ein einheiratender Mann mit dem betreffenden Hausnamen bedacht wird.
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