Die Angst nicht abgeschüttelt

Voller Wehmut blättert Ahmad im Fotoalbum, das er aus Aleppo mitgebracht hat. Bild: Bugl
Lokales
Oberviechtach
08.04.2015
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Sein Heimatort macht Schlagzeilen. Aber Ahmad H. lässt in 4000 Kilometer Entfernung vom Kriegsschauplatz Aleppo die Angst nicht los. In seiner Wohnung in Syrien legt sich Staub über die Möbel, doch mit jedem Tag wird seine Rückkehr unwahrscheinlicher.

"Bitte lassen Sie meinen Nachnamen weg", sagt Ahmad, der auf der Flucht vor dem Krieg in Oberviechtach gelandet ist. Sein Blick geht dabei in Ferne. Denn nicht sein Umfeld in Deutschland fürchtet der 41-jährige Wirtschaftsprüfer, sondern das, was in seinem Heimatland Syrien passieren könnte. "Alle Leute, die aus dem Krieg kommen, haben immer Angst", meint der Familienvater.

Seiner kleinen Familie mit Frau und den beiden drei und fünf Jahre alten Kindern ist der Krieg sehr nahe gekommen. "Aleppo ist eine geteilte Stadt. Jeden Tag passiert etwas, spontan und unangekündigt. Ständig wird bombardiert", schildert der 41-Jährige die Lage in seiner Heimat. Familienbande haben ihn in den Landkreis Schwandorf geführt, dorthin, wo sein griechischer Schwiegervater früher als Chirurg praktizierte. "Meine Frau ist sogar in Schwandorf geboren", erzählt er und erklärt damit, warum die Einreise für ihn und seine Familie damit vergleichsweise einfach war.

Ausreise mit drei Koffern

Leicht war es aber noch lange nicht. Was nimmt man mit auf dem Weg zu einem neuen Leben? "Das hat mich die Lehrerin im Deutschkurs auch gefragt", sagt Ahmad. Immerhin drei Koffer konnte die kleine Familie packen, als sie auf getrennten Wegen ihr Land verließ. "Es ist das gleiche wie in den Geschichten über den Zweiten Weltkrieg: wichtige Unterlagen, Fotos und Kleidung." Es ist kein dickes Fotoalbum, das die Erinnerungen an seine Wurzeln enthält. Bilder von den Kindern, als propere Babys, Schnappschüsse von einem Ausflug ans Meer.

Der Alltag war wie überall viel zu selbstverständlich, um die Kamera auszupacken. "Das hier ist meine Mutter", sagt der 41-Jährige und deutet auf eine Aufnahme, die sie mit einem strahlenden Lächeln zeigt. "Sie ist dortgeblieben, ich vermisse sie, und meine beiden Schwestern auch, zum Glück können wir telefonieren." Für den Neuankömmling waren die ersten Monate in Deutschland "sehr, sehr schwer". Er hat mitgelitten, wenn sein inzwischen fünfjähriger Sohn sich im Kindergarten schwer tat mit der neuen, fremden Welt. "Kinder brauchen Sprache zum Spielen", weiß der Papa, "mit jedem Tag waren es dann ein paar Wörter mehr".

Sprache als Schlüssel

Auch dem Vater ist klar, wie wichtig die Sprache ist, um hier, in der vorläufig oder endgültig neuen Heimat Fuß zu fassen. Zusammen mit seiner Frau fährt er jeden Tag mit dem Bus nach Weiden zum Deutsch- und Integrationskurs. "Wer weiterkommen will, braucht ein Zertifikat, ohne das ist nichts zu machen", weiß der 41-Jährige. Er macht sich keine Illusionen darüber, dass es schwer für ihn wird, in der Fremdsprache Zugang zu einem Job als Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater zu finden. "Wenn der Busfahrer mit anderen spricht, verstehe ich noch immer nichts", seufzt er.

Immerhin hat die Familie eine eigene Wohnung in einem Zweifamilienhaus in Oberviechtach gefunden - "die Schwiegereltern wohnen unten, wir oben". Denn ob er seine Wohnung in Syrien wiedersehen wird, steht in den Sternen. "Sie liegt gleich neben dem Haus meiner Mutter. Und die Mutter schaut alle zwei Wochen nach, ob noch alles in Ordnung ist."

Rückkehr ungewiss

Rechnet er damit, dass er irgendwann zurückkehren kann? "Ich weiß es nicht", gesteht Ahmad. "Der Krieg kann noch zwei, drei Jahre oder auch länger dauern", schätzt er. Dann hat er auch in Syrien den Anschluss an die berufliche Laufbahn als Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater verloren. "Ich bin jetzt 41, ich kann nicht noch einmal eine Karriere in Syrien bauen", meint er resigniert. Im Augenblick gibt es für ihn keine Alternative zum Job in Deutschland, vielleicht mit einem Studium in Wirtschaftswissenschaft oder Betriebswirtschaft. Vorausgesetzt er schafft im April die Prüfung im Deutschkurs - und Ahmad will da auf keinen Fall durchfallen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl
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